Kvetoslav Minarik
Der Weltursprung vom Gesichtspunkt der praktischen Mystik:

    Das Leben ist ein Prozess. Nicht nur im Sinne der Änderungen, die sich im Alltagsleben von Augenblick zu Augenblick abspielen, sondern auch im strukturellen Sinne. Wir sind nicht einmal in zwei nacheinander folgenden Sekunden identisch, was offensichtlich auf der Ebene der Sinne und des Fühlens zu sein pflegt, und auch physiologisch, strukturell; dies ist schon weniger ersichtlich.

    Diese Änderungen, vornehmlich die strukturellen, sind eigentlich der geistige Weg der Individuen, denn sie hängen mit dem Erwerb von Lebenserfahrungen zusammen, auf welche der geistige Mensch – jenes „ich bin“, das Bewusstsein von sich selbst – im gleichen Maße reagiert wie der Körper auf die gegessene Nahrung: er gewinnt ein Gefühl von allmählicher Sättigung und schließlich das Gefühl von Sattwerden.

    Eine bestimmte Sättigungsstufe ruft solche Fragen hervor, die einem primitiveren, von Lebenserfahrungen noch nicht gesättigten Menschen nicht einmal einfallen. Es sind die Fragen des Lebenszwecks von sowohl dem Menschen selbst als auch dem Leben überhaupt. Diese Fragen transformieren sich allmählich ins Interesse für das Entkommen aus den Lebenskümmernissen, das Entkommen, welches das Leben des von den Lebenserfahrungen gesättigten Menschen immer ist oder zu sein scheint. Aber die Bemühung den Lebenskümmernissen zu entkommen ist die Endphase der Lebenserfahrungen. Vor diesem Ausgang der Sättigung mit Lebenserfahrungen steht die Wissbegierde, um die Befriedigung zu erlangen, ohne auf die Welt verzichten zu müssen. Denn der Mensch will leben, er leidet unter der Existenzsucht. Dies scheint jedem Geschöpf ein natürlicher Zustand zu sein, während das Verzichten es für eine Überspannheit deren hält, die nicht im Optimismus der seelisch blinden Geschöpfe zu leben wissen.

    Aber auch die Wissbegierde begibt sich hier auf zwei Wege. Wenn das karmische Heranreifen sich noch mit den kompromisslosen Willen zu sein und zu leben mischt, wandert die Wissbegierde über die äußeren Wege: man will die Welt erkennen und daraus das Sinnesvergnügen ziehen. Dieses extravertierte Fortschreiten zu der Erkenntnis entwickelt sich zwar bis zur Entstehung der Wissenschaft, aber es führt nie zu einer befriedigenden Erkenntnis, durch welche das Verlangen auslöscht und wo sich die Ruhe der Zufriedenen einstellt. Der Weg zur Erkenntnis muss daher mit einer introvertierten Forschung beginnen, mit der Untersuchung von sich selbst, mit der Beobachtung von Prozessen, die das ganze Wesen darstellen; mit einer solchen Beobachtung, oder besser Selbstbetrachtung, durch die das Wesen in einzelne Komponenten zerfällt. Denn nur auf diese Weise gelangt man zu einem rein objektiven Standpunkt zu sich selbst. Darnach zeigt sich schon die anfangs zwar nur innere aber später auch äußere Natur als Fata Morgana, als ein gegenstandsloses, in der Luft aufgezeichnetes Bild.

    Die Unerfahrenen werden sicherlich fragen, ob die Erkenntnis der Natur notwendigerweise zu einer so ausgesprochen nihilistischen Einstellung zur Außenwelt führen muss. Aber wer bist du, Mensch, der sich nach der Erkenntnis sehnt, um die Leere deines Lebens zu brechen? Du bist bloß ICH, eine fiktive Tatsache, die unter jedem Anprall der deprimierenden Lebenserfahrungen vergeht. Das zwingt zu einer Korrektur der Meinung über die eigentlich nur Adaptationsfunktion dieses Ichs, das immer wieder aus den trägen Funktionen der physiologischen Wesenheit entsteht. Ich würde einfach sagen, es gebe kein stabiles Ich, sondern nur sein wiederholtes Aufflammen mit diesem Charakter; dem Weisen sagt es, es existiere gar nichts.

    Wenn irgendwelche schwere Lebenserfahrung den Untergang des bisherigen Ichs herbeiführt, und wenn dieses Ich sich erneuert und die bereits abgewandelte Welt sehen kann, deutet dann dies alles an, dass wir in der Welt sind, in der nichts sicher ist, auch nicht wenn es wägbar, messbar und durch die Sinne immer wieder nachweisbar ist. Das ist allerdings die Welt im Bereich der Lebenserfahrungen. Wir wollen aber die Welt erkennen, die noch nicht so markant von der Wirkung der Lebenserfahrungen betroffen ist, und in oder hinter deren eine Tatsache entdecken, die wir bereits vor dem absoluten inneren Erwachen voraussetzen, egal ob wir schon Idealisten und Theisten, oder Materialsten und Atheisten sind. Wir werden doch keinen Krieg um Idealismus und Theismus über Materialismus und Atheismus führen. Da würden wir nur den Sieg einer Anschauung über eine andere erreichen, aber die Erkenntnis würde uns weiterhin fehlen.

    Ich möchte daher über den Weg zur Erkenntnis sprechen, den die esoterische mystische Lehre kennt; diese kämpft nicht mehr für den Glauben oder Unglauben an Gott. Es ist eine im Prinzip psychologische Lehre über die Art und Weise der Anwendung von Sinn und Bewusstsein, damit daraus eine Erkenntnis hervorgehen kann, die von keinen entgegengesetzten Anschauungen der Unerfahrenen beeinflusst ist.

    Wir haben ein erforschbares Objekt – nämlich uns selbst, und auch haben wir ein Gerät, das die objektive Forschung ermöglicht – unseren Sinn. Wenn dieser Sinn nämlich nicht mehr mit der Außenwelt durch die elementaren Reflexe kommuniziert, sondern sich auf den ununterbrochen funktionierenden Apparat konzentriert - auf unseres Wesen, benutzen wir dann zum Erkennen ein sehr zuverlässiges Werkzeug. Mit diesem Werkzeug wird man alle Lebensprobleme lösen, ob schon im Verhältnis zur konkreten oder abstrakten physiologischen Wesenheit.

    Um richtig fortzuschreiten und schnell zur Erkenntnis vorrücken zu können, müssen wir einen Lehrsatz aufnehmen: Das Wesen sowie das Leben sind ein Prozess. Das erkennen wir natürlich nicht, solange wir durch die Sinnesverbindung mit der Außenwelt zwecks Gier nach Sinneserlebnissen leben. Wenn wir jedoch auf die Anforderung verzichten, in voller Befangenheit von den Sinneserlebnissen zu leben, wird dann der Sinn das untersuchende Subjekt und das Wesen das prüfbare Objekt. Das ist die Voraussetzung für den Eintritt auf den Erkenntnisweg.

    Wenn wir unser Wesen vor das Subjekt (vor das von Neigungen befreite Gemüt) als ein Objekt legen, das ein ständig veränderliches Wesen ist und dann auch die Bemühung die Unbeeinflussbarkeit des Geistes in der sich ändernden Wesenheit im Bereich deren bloßen innerlichen Änderungen zu erhalten, so arbeiten wir uns gleich zu der Erkenntnis empor, dass wir uns in der ständig wogenden Welt befanden, in der es keine Ruhe für das beliebig lebensmüde Subjekt gibt. Alles ist im Prozess und stellt Änderungen dar, deren unbestimmte Formen nicht einmal in etwas Konkretes heranreifen, in Erscheinungen irgendeiner freundlichen Welt.

    Yoga weist jedoch die Schüler an, sich damit nicht zufrieden zu geben. Es rät, dass der diese Änderungen scharf betrachtende Sinn sich von keinem der geistigen Zustände oder Gefühle beeinflussen lässt, sondern dass er bei Betrachtung der Lebensprozesse verbleibt, bis diese Betrachtung sich in so genannte „Tiefe Einsicht“, bzw. in einen alles permanent analysierenden Faktor wandelt.

    In einem solchen Falle finden wir keine neue Welt mit eindrucksvolleren Situationen und Erscheinungen, sondern das, was hinter der Welt steckt und was wohl dem physikalischen Feld entspricht, weil es für die visuelle Fähigkeit des Wesens eine potentiell schöpferische Leere ist. Diese Leere erscheint in der subjektiven, wesentlichen Welt als eine Sphäre, die einem darin sich mit dem Bewusstsein befindenden Geschöpf die Zustände wörtlich etwa religiöser Ekstase spendet. Diese Ekstasen sind keine Gotteseinflüsse, die von der Gottesgnade herkommen, sondern ein Ergebnis der Reaktionen von wechselseitig aufeinander wirkenden Qualitäten dieser Sphäre mit den Wesen.

    Dies ist aber nicht der Punkt auf dem Weg zur befreienden Erkenntnis. Deshalb sei die Konzentration ohne Beeinflussung des Geistes von den Sinnenerlebnissen weiterhin ausgeführt, bis das Wesen in Zustände und Kategorien aufgegliedert sein wird. Denn erst dann wird die Erkenntnis der Bedingtheit der Verhältnisse einzelner Wesenskomponenten erlangt sein. Es wird sich zeigen, dass diese sich autonom verhaltenden Komponenten außerhalb des Wesens existierende Sphären symbolisieren. Erst dann begreift der Mensch, dass er und das Weltall identisch sind; obwohl verschieden im Umfang. Aber auch dieser Erkenntnis strebt Yoga nicht als einer bedeutsamen zu. Es geht vor allem um eine Zergliederung der Wesensqualitäten zwecks der Qualifizierung und Realisierung derjenigen, die für die Erlangung der Erlösung maßgebend sind. Zu diesem Ergebnis arbeitet man sich mittels entsprechender yogischen Methoden durch.

    Wir sagten schon, der nach Erkenntnis strebende Yogi findet keine neue Welt mit eindrucksvolleren Situationen und Erscheinungen, sondern das, was es hinter der Welt gibt, was so gut dem physikalischen Feld entspricht usw. Aber diese Erkenntnis wird kein Resultat des diskursiven Forschungsvorgangs sein. Der Geist karmisch reifer Leute, die Erkenntnis mit Hilfe von Yoga oder Mystik suchen, arbeitet mit introvertierter Tendenz. Ständige Konzentrierung des Geistes, der vom alles wohl registrierenden Bewusstsein kontrolliert wird, resultiert in Entfaltung tiefer Einsicht und vollkommener Analyse. Hierdurch wird das Wesen in ein Prozess zergliedert, was eigentlich alle Wesenskomponenten auf einer Seite und irgend etwas wie eine hinter diesem Prozessieren existierende Leere auf der anderen Seite sind. Es resultiert daraus nämlich die Einsicht, dass wenn das Dasein bloß als ein Prozess von allem, was das Wesen darstellt, erkannt wird, muss es hier etwas geben, was an den Prozessen keinen Anteil hat.

    So wird irgend etwas Unveränderliches gefunden sein, was jenes physikalische Feld im Wesen ist, denn es hat nicht die Natur einer elementaren Leere, sondern die einer potentiell schöpferischen Leere. Und es wird sich zeigen, dass diese Leere auf der Ebene des Wesens das Bewusstsein darstellt, wogegen im Kosmos sie eine Tafel ist, an die Erschaffung die veränderliche Existenz zeichnet.

    Hier gibt es schon für denjenigen, der die Ursache alles Erschaffenen sucht, einen Faktor, mit dem er die Erforschung der Natur und der Schöpfung ausführen kann mit der Hoffnung, dass er auf dem Wege zur Erkenntnis zu keinen Vermutungen und sich daraus ergebenden Spekulationen verleitet wird. Ein durchaus zuverlässiges Kriterium wird jedoch dieses Faktor nur dann, wenn man bei der Geistesdisziplin verbleibt, d.h. bei ständiger Anwendung der analysierenden Betrachtung seiner selbst, jener Änderungen, die sein Wesen bilden.

    Durch lediglich dauernde Betrachtung des nicht veränderlichen Faktors des Seins entfaltet sich vor dem Forschenden die Sphäre des Unveränderlichen. Diese verschiebt die sämtlichen Prozesse aus dem Bewusstsein als die Welt für sich, die den Menschen selbst nicht mehr absorbiert, und daher entstehen Bedingungen für das objektive Kennenlernen auf der einen Seite und für die Erhaltung der seelischen Freiheit auf der anderen (Seite). Und das Unveränderliche wird unter diesen Umständen allmählich realisiert werden; seine Realisation wird im Bewusstsein des Suchenden klar machen, dass er eine Befreiung erreicht hat, die ihn inmitten der von Änderungen völlig hingerissenen Welt erlöst macht.

    Hierdurch erreicht er die geistige Freiheit und die Plattform des Forschers, der die Welt zwar sehr gut sieht, aber sich nie von ihr entzücken lässt. Und dann kann er schon seine Forschung weiter fortsetzen. Er kann durch das Unterscheiden des Geschehens oder der Prozesse von der Ruhe hinter diesem Geschehen zur Erkenntnis gelangen, dass dieses Geschehen das Samsara sei, dessen Kümmernisse sich immer ins Bewusstsein der vom Geschehen hingerissenen Geschöpfe projizieren werden. Und zudem erreicht er die Erkenntnis dass es den nirwanischen Zustand für diejenigen gibt, die nur jenen leeren Raum beachten, an dessen Wänden die Erschaffung projiziert wird.

    Hiermit wird gezeigt, dass die Forschung nach dem Ursprung der Welt zwei Phasen hat. In der ersten Phase muss der analysierende Geist durch die Prozesse bis dazu durchdringen, was einer Leere gleich ist, an der sich die Erschaffung projiziert. Durch die Beobachtung dieser Leere soll man sie realisieren, damit der Geist stabilisiert wird und das Bewusstsein ein passiver, die Wahrnehmungen empfangender Faktor wird. Der stabilisierte Sinn wird diese Wahrnehmungen klassifizieren, und hierdurch gewinnt er die Erkenntnis des wahren Unterschiedes zwischen der Schöpfung und der dahinter liegenden Ruhe. Und dies wird immer im Rahmen des im Wesen enthaltenen Bewusstseins vorgehen. Aber dieser Zustand wird allmählich anders werden. Wenn der Sinn nämlich gut die hinter allem Erschaffenen existierende Ruhe realisiert, ermöglicht er dem Bewusstsein sich außerhalb der Grenzen des Wesens auszudehnen.

    Derjenige, der während der Bewusstseinsexpansion aus den Grenzen seines eigenen Wesens bei Betrachtung seines Wesens verweilt, was sich in dieser Phase als objektive Vergegenwärtigung des Körpers qualifizieren kann, nimmt er nach und nach in die Sphäre eigenen Selbstbewusstseins die gesamte Menschheit auf, weil er mit ihr strukturell identisch ist. Durch das Erreichen dieser Basis der inneren Entwicklung seines eigenen Wesens geht er auf die Plattform eines Forschers oder eines bloßen Beobachters allen Erschaffenen über, falls er mit den sich entwickelnden Komponenten identisch ist; es gibt nämlich eine physikalische Identität seiner selbst mit dem Erschaffenen. Hierdurch wird er ein Forscher in den „Rätseln der Welt“ im bereits überwesentlichen Rahmen.

    Wer den Zustand erreicht, in dem sein Bewusstsein expandiert, erlangt gewiss den Zustand eines Subjekts, das in sich selbst das ganze Weltall enthält; erst in diesem Zustand geht in ihm eine evidente Feststellung hervor, dass er allen Fesseln der schlichten Leute entkommen ist, die von Emotionen als von unüberwindlichen Antrieben und Kräften beherrscht und gesteuert werden. Und das Weltall wird sein innerliches Objekt, ein Faktor, der nur eine relative Wirklichkeit ist, eine Bewölkung, deren einzelne Wolken sich von sich selbst denken können, sie seien selbstständige Existenzen, ohne dass sie begreifen, sie seien bloße Erscheinungen auf dem blauen Himmel der Leere. Und jene riesigen Räume, in denen die Erde ein bloßes Stäubchen, wogegen der Mensch sogar nichts ist? Wir erfassen wahrscheinlich nicht die gegenseitigen Verhältnisse im Kosmos, sondern nur die unseren in Anbetracht des Kosmos. Übrigens liegt es immer an unserem Standpunkt. Falls wir unser nur auf der Ebene des prozessierenden Wesens bewusst werden, so gibt es für uns Entfernungen, die wir aus der von uns gewählten oder festgesetzten Geometrie kennen. Wenn wir uns jedoch auf die Betrachtung unseres Wesens mit der Kraft des stabilisierten Geistes und unveränderlichen Bewusstseins orientieren, schließt dann das Sein, das bloße Prozesse darstellt, diese unsere Fähigkeiten einfach aus, denn es will sich mit denen nicht identifizieren, offenkundig seiner vom Geschehen unterschiedlichen Qualität halber. Und dann entdeckt es schon jenes Unveränderliche, das im Wesen unmittelbar unter der Oberfläche jenes Geschehens, jener Prozesse versteckt bleibt.

    Jenes Unveränderliche ist für die bewusste Betrachtung akzeptabler, wie ein Faktor, mit dem es möglich ist sich zu verbinden. Die bewusste Betrachtung findet damit jene umfangreiche Welt, auf deren Spiegel unsere empirische Welt als eine kleine und im wesentlichen bedeutungslose Schale des Erschaffenen vegetiert, die bedeutungsvoll nur den Leuten scheint, die entzückt sind von der Oberfläche, die Prozesse sind.

    So tritt der Mystiker in die transzendentale Welt ein, in das Reich von durchaus anderen Verhältnissen und Entfernungen, in die qualitativ geschlossene Sphäre, in der ihren Platz die Sternsysteme und auch Galaxien haben, deren Milieu, der Raum , in dem sie existieren, eine subjektive Sphäre des Individuums ist.

    Auf dieser Ebene ist das Leben des Individuums bestimmt verschieden vom subjektiven Leben aller Leute. Die Interessen der Leute dafür, wie es irgendwo aussieht und was irgendwo los ist, berühren den Erreicher der Ruhe hinter den Prozessen, die das Wesen sind, gar nicht. Er lebt von Nachdenken, Meditation, mit denen er ständig das Bewusstsein kräftigt. Er ist ein Bewohner der hinter dem Erschaffenen existierenden Sphäre; jenes Himmels der Theisten und der endlosen Räume der Astronauten der Atheisten.