Geistige Bemühung

    Geistige Bemühung – das Streben nach der Entfaltung ekstatischen Bewußtseinszustandes als des Mittels zum Übertritt des Ichs in die transzendentale Welt. G.B. hat nichts gemein mit chimerischer Auffassung der Wirklichkeit, wie z.B. bei Kirchenlehre oder Spiritismus. G.B. geht von den angeborenen Werten des Menschen aus, die sie allmählich in einem Prozeß (oder auf einem Weg) psychologisch umgestaltet, in einem Prozeß, durch den sich der subjektive Inhalt der Sinne, die Geistesqualitäten und Fähigkeiten ändern. Die Mittel der g.B. sind:

  1. sittliche Schulung,
  2. drei Yoga-Formen,
  3. Mystik,
  4. Mahayana,
  5. ägyptische Magie.

    Die sittliche Schulung soll den Menschen gegen die Sachen und Ereignisse unserer (Sinnes-) Welt gleichgültig machen. Diese Unaufregbarkeit ist nämlich notwendig, weil sie die Bedingung für die Erfolge in weiteren Formen der g.B. ist. Als unmoralisch gilt die Respektierung der üblichen Aufnahmefähigkeit und Empfindsamkeit, die die Ursache der seelischen Durchzitterung ist, wenn die Welt mit ihren Ereignissen und Erscheinungen auf den Menschen wirkt. Es ist unerlässlich, gegen die Wirkung der Welt völlig unempfindlich zu sein, obgleich es notwendig ist, daß der Mensch nur wohl tut, d.h. den anderen Wesen keinen Schaden tut mit Taten, Denken oder durch unglimpfliche Reaktionen des Fühlens. Er darf kein Bedürfnis fühlen sich sinnlich durch das aufzuregen, was die Menschen gewöhnlich als Sinneswonnen lockt. Es ist notwendig, daß er zum Schluß das Interesse an der Welt verliert als an einem Milieu von Aktion und Reaktion, die bei Menschen den Eindruck der Fülle des Lebens erwecken. Das heißt, man soll die Aufmerksamkeit auf sich selbst ziehen, soll ein Interesse für die Zustände und Prozesse haben, die sich in ihm selbst abspielen, anfänglich nur als ein Beobachter, später als ein Gleichschalter dieser zu Frieden und Guten. Auf der anderen Seite darf man kein Interesse für die Außenwelt haben und muß die Aufmerksamkeit auf sich selbst wenden, ohne daß man seine Wachsamkeit unterdrücken darf. Er muß daher lebhaft und wachsam sein, etwa auf gleiche Weise, wenn weltliche Interessen und Sehnsüchte noch seine Wachsamkeit entflammten.

    Drei Formen vom Yoga sind: 1. Hatha-Yoga, 2. Radscha-Yoga und 3. Dschnana-Yoga. Hatha-Yoga in der g.B. bedeutet eine Bestrebung, auf den Körper so zu wirken, damit er die in seinen psychisch-physischen Zentren gebundenen Energien ausgibt. Einerseits nutzt man Körperhaltungen (Asanas), andererseits die Geistesverfassung und Willenspannung. Unter Körperhaltung versteht man hauptsächlich gekreuzte Beine, die dazu dienen, daß das Objekt – der Körper, zusammenschrumpft durch die Annäherung der Füße und anderer Beineteile dem Oberkörper. Nachdem dies erreicht ist, muß der durch den Willen gesteuerte Sinn den Körper im Bewußtsein vergegenwärtigen, indem man sich ihn ins Gedächtnis zurückruft. Hier meinen wir mit dem Körper hauptsächlich Beine, an die man in Hatha-Yoga sehr intensiv denkt. Durch die Zusammenwirkung der Körperhaltung und Geisteskonzentration des Sinnes auf die Beine löst sich die Körperenergie und diese wird dann in einer weiteren Form der geistigen Bemühung entsprechend benutzt.

    Radscha-Yoga in der g.B. ist in dem enthalten, daß man mit dem durch den Willen gelenkten Sinn auf den Körper wirkt, um die Körperenergie insoweit freizusetzen, daß sie vom dem Körper aus auf die Außenwelt zu wirken beginnt. Die Mittel hier sind also ähnlich den im Hatha-Yoga. Wenn man sich jedoch beim Hatha-Yoga damit begnügt, daß man die Körperenergien freisetzt, damit sie sich in den Körper hin entfalten und so ihn beleben, dann wird dieses Ergebnis im Radscha-Yoga nicht mehr gesucht. Hier stellt man darauf ab, daß diese Energien Effekte abstrakterer Art hervorrufen, nämlich, daß sie das magnetische Feld, dessen Träger der Körper ist, verstärken. Das Verankern (Konzentration) des Sinnes im Zustand genannt Radscha-Yoga ist deshalb derartig, weil der Bereich Hatha (der Körper selbst) überschritten ist. Das bedeutet, daß ein Raja-Yogi erstens an den Körper denkt, zweitens er sich noch des Raums (entweder des von Menschen gewöhnlich wahrgenommenen [Raums] oder des ganzen Kosmos) bewußt wird. Darüber hinaus beschränkt man sich im Radscha-Yoga nicht ausschließlich auf die fleischigen Körperteile (Beine) wie im Hatha-Yoga, sondern übergreift man einigermaßen (durch die Konzentration) in den Körper, hauptsächlich in die Basis im Rumpf – in die Bereiche der Geschlechtsorganen (Pudendum und Scrotum). Diese Abweichung in der Konzentration trägt in das Ergebnis eine Abwechslung hinein, nämlich, sie macht das Streben magischer.

    Dschnana-Yoga in der geistigen Bemühung führt den Menschen dazu, seine Selbstbetrachtung zu vervollkommnen. Die Selbstbetrachtung betrifft die Fähigkeit, die permanent auftauchenden und ständig veränderlichen Geisteszustände, Gefühle und Gedanken wahrzunehmen. Die Fähigkeit der perfekten Wahrnehmung (dieser) ist abhängig von der ständig wiederholten Bemühung alles festzustellen, was in der "Seele" vorgeht, d.h. von Wiederholübungen. Als Übung ist hier gemeint eine konzentrierte Aufmerksamkeit auf Geisteszustände, auf Zustände des Körpers und des Gemüts, ohne ins Auftauchen und in den Verlauf dieser einzugreifen, es sei denn erst in der nächsten Phase, wo man schon die Mechanik ihres Auftauchens und Verlaufs kennt, und wo auch automatisch die Pflicht entsteht, ihren Charakter nach Erfordernissen der Sittendisziplin der g.B. zu ändern, wie bereits erwähnt wurde.

    Die Mystik in der g.B. bedeutet hauptsächlich das Streben nach der Verwandlung des angeborenen (natürlichen) Geisterzustandes. Der geistig strebende Mensch erreicht höhere Ziele nicht nur durch die Einhaltung der Sittlichkeit nach den früher angeführten Geboten und weil er die Körperenergien freizumachen weiß zwecks Besserung (Belebung) seines Körpers oder zum Hervorrufen abstrakterer Effekte, oder damit er fähig wird, seelische Zustände, Gefühlsregungen und Gedanken zu betrachten. Er muß dazu auch generell psychisch-physisch zarter werden, denn eben das ist nötig, wenn wir an die Ereichung des höchsten Zieles der geistigen Bemühung denken. Wir müssen daher die Mystik als seelische Anstrengung um das gehörige Sensibelwerden durch unveränderliche Orientierung auf die Qualitäten der transzendentalen Welt verstehen, damit sich dadurch die Fähigkeit entwickelt, verschiedene Wirkungsweisen der Außenwelt zu unterscheiden, und damit sich der Kontakt mit der transzendenten Welt vervollkommnet, denn dieser Kontakt wird gewöhnlich ständig gestört.

    In der Praxis führt man die mystische Schulung so aus, daß man sich in sich selbst versenkt, wo man den höchsten, besten und angenehmsten Geisteszustand aufsucht, und dann, durch das Entflammen und Steigern der Gefühle zur transzendenten Welt (zu Gott) das Sensibelwerden (die Gefühlsverfeinerung) entwickelt. Man muß zu Gott als zu einer kosmischen, personifizierten oder nicht-personifizierten Qualität schreien, um ihn erscheinen zu lassen; oder man muß alles Sichtbare als allwissenden, allmächtigen und allgegenwärtigen Gott (oder eine Gottheit) verehren, oder mit Liebe zum Kosmos als zu Gott sich zärtlich zu machen, eventuell für sich eine andere Form von ekstatischer Stimmung auszusuchen. Das alles macht man zu dem Zweck – in sich die übersinnliche Empfindlichkeit zu erwecken und entfalten zu lassen, die dann selbst die Kontakte zwischen dem Menschen und der transzendentalen Welt hervorbringt. Diese Empfindlichkeit wird auf den höheren Stufen der geistigen Bemühung zur Vervollständigung der Lebenserfahrungen und somit auch zum Nachergänzen der festen Kontakte zwischen dem Menschen und der transzendenten Welt genützt.

    Mahayana in der g.B. bedeutet die Entfaltung der Fähigkeit, die Kräfte des Individuums mit den Kräften der geistigen (abstrahierten) Welt, in der modernen Sprache gefasst, mit der Auswirkung von energetischen Quanten der physikalischen Welt, zu vergleichen. Dieser Kraftvergleich ist nämlich unerlässlich, denn die Verwandtschaft zwischen dem Individuum und der Welt ist eben physikalisch. Will man sich vom Leiden befreien und sein Leben in unbedingter Ruhe beenden, im Zustand, der frei von unbezwinglicher Lebensgier, die die Ursache seiner Spuren in der physikalischen Welt und deshalb auch der Ursachen seines Reinkarnierens ist, muß man diese Verwandtschaft zwischen ihm selbst und der Welt abschaffen.

    Im Prinzip ist dieses Vergleichen der Kräfte abhängig von der Tauglichkeit die körperliche Lebenskraft frei und verfügbar zu machen (Hatha-Yoga); diese freigemachte Lebenskraft in eine Erscheinung oder Erscheinungen durch begrenztes Bewußtwerden (Denken oder Innewerden in begrenzten Begriffen) zu verwandeln; diese Phänomene dann von seinem Selbst (Ich, Ichheit oder Selbstbewußtsein) durch das empirische Bewußtwerden von "Ich" und "das Phänomen" zu trennen; dann mit diesen Phänomenen in einem solchen Kontakt zu bleiben, welchen man gegenüber der wahrgenommenen Natur und ihren Phänomenen zu haben pflegt; schließlich unter diesen Beziehungen durch intensives Denken an sich selbst, die gesehenen Erscheinungen und das Verhältnis zwischen den beiden eine Spannung hervorzurufen. Erst dadurch wird die gegenseitige Wirkung auf die gesehenen Abstraktphänomene stärker, und umgekehrt, diese Wirkung ändert sich in magische, wenn das Bewußtwerden dieser Kontakte permanent wiederholt und verstärkt wird.

    Das Ergebnis dieser Verhältnisse ist die Entfaltung von sowohl der Feinfühligkeit wie auch seelischer Gewandtheit und sogar der Erkenntnis des Einflusses der Welt und der Natur auf lebendige Organismen. Das ermöglicht dem Menschen, mit geöffneten Augen zu leben, zum Unterschiede von einem gemeinen Menschen, der wie ein Blinder lebt, der nichts von seinen Schicksalen weiß, die in den nächsten Momenten seines Lebens vorzukommen sind.

    Die ägyptische Magie ist in der Reihenfolge der einzelnen Bestandteile der g.B. das höchste Glied in der ganzen Schulung. Sie stellt die Fähigkeit, über die Natur zu herrschen dar, und die aus dieser Macht hervorgehende Gefahr wird eben durch die zuvor absolvierte Schulung gebannt. Insbesondere Mahayana vollbringt die Vorerziehung für ägyptische Magie, indem es sogar die Restspuren der natürlichen Empfindlichkeit vernichtet und diese in einen qualitativ höheren Aspekt der psychischen Werte umwandelt - in den Vernunft und dann in die Weisheit, die notwendig sind, falls man in der ägyptischen Magie Erfolg haben soll.

    Wenn man den Höhenpunkt auf dem Weg der geistigen Bemühung erreicht, erlöscht in ihm der Lebenshunger. Es gibt nichts mehr, nach dem man unwiderstehlich schmachten würde, weil seine Fähigkeiten und Möglichkeiten das Maximum erreicht haben, und dies ist eben eine Voraussetzung für die Entfaltung der Zufriedenheit, die die Unruhe der ungestillten Seelen abstellt. Man wird daher zu einem ruhigen Aspirant der Erlösung, des Zustandes vom Erlöschen jeglicher Begierden des Lebens, das bereits mit Zufriedenheit erfüllt worden ist.