Probleme der geistigen Entwicklung

von Kvetoslav Minarik

    Die mystische Lehre kann den Menschen in einen Widerstreit bringen. Sie spornt ihn nämlich an die Welt aufzugeben; gleichzeitig soll er tatkräftig, aktiv sein. Diese Anforderung scheint zu der Verzicht auf die Welt nicht zu führen.

    Die Aufgebung der Welt muss jedoch nicht notwendig mit der Passivität verbunden sein, denn die Aufgebung ist auch eine Tat, eine Bestrebung, die eine große Aufmerksamkeit erfordert, damit der Mensch der Aufgebung der Welt überhaupt bewusst ist. Wenn man diese Aufmerksamkeit nicht entwickelt, verfällt man unbewusst der Passivität. Die Passivität steht in Verbindung mit verschiedenen Neigungen zur Welt mehr als Aktivität, obwohl der Mensch scheinbar einer Tätigkeit nur dann fähig ist, wenn er von weltlichen Zielen angeregt ist. Solche Anregungen bezeugen indessen, dass der Mensch sich einem reflexiven Verhalten hingegeben hat. Das ist eben eine Versklavung, die die Mystiker überwinden müssen.

    Wir dürfen die Lebensausdrücke des Menschen nicht mit den Augen der dilletantischen Psychologie ansehen, die das Leben für eine Frage der psychischen Reflexe hält. Das hält gut nur für elementare Menschentypen; die geistig mehr Vorgeschrittenen vermögen nach einer Überlegung zu handeln und die reflexiven Impulse einfach zu bewältigen. Die Neigung für oder Abneigung gegen die Welt fallen in eine andere Kategorie der psychologischen Qualitäten als Untätigkeit oder Tätigkeit. Wenn die mystische Lehre die Tendenzen der ganzen Wesenheit analysiert, stellt sie fest, dass die "Ruhe des Geistes" als der eingeborene Zustand eines geistig ausgeglichenen Menschen immer tamassischen Ursprungs ist. Daraus ergibt sich, das derjenige, der diese "Ruhe" aufsucht und bloß vertieft, eigentlich den Weg des ganzwesentlichen Verfalls schreitet, und hierdurch sein eigenes verdienstvolles Karma verschwendet, das ihn eigentlich in den menschlichen Zustand erhoben hat.

    Die mit dem Zustand der eingeborenen Ruhe und seelischen Ausgeglichenheit verbundene Untätigkeit muss überwunden sein, obwohl es so aussehen kann, als ob es zu einer Neigung zur Welt führen würde und die Untätigkeit den Eindruck erweckt, dass das Problem der Neigung zur Welt gelöst worden ist. Die Situation ist ähnlich der im Kosmos. Auch die Entwicklung der Welt hat nur eine eindeutige Tendenz. Wenn nämlich aus dem zerstreuten subtilen kosmischen Material eine Erscheinung, später erkannt als ein Stern, geschaffen wird, die in einer späteren Reihenfolge als ein Stern erkannt wird, ist es immer zunächst eine Erscheinung aus diffus sich verhaltenden Gasen, aus kosmischen Wolken. Und obzwar hier die allgemeine Gravitation oder auch andere unbekannte kosmische Einflüsse und Kräfte wirken, kommt es bei diesen kosmischen Gaswolken immer zu einer Wende [Phasenumschlag] und von diesem Moment auf werden die Gaswolken dichter.

    Wenn alle notwendigen Voraussetzungen gegeben sind, ruft schon die erste Phase der Verdichtung der kosmischen Wolken eine Tendenz dieser Formationen zur Strahlung hervor, wodurch diese Wolken, jetzt schon als sog. "dunkle Sterne", zu Sonnen werden. Diese Sonnen, als bereits strahlende Sterne, werden von einem selbsttätigen Umformungsvorgang wieder in den Zustand der "toten", nicht strahlenden, Sternen geführt, in welchem sich diese "toten" Sterne durch die allgemeine Gravitation zerbröckeln und zerfallen, um wieder in den gasförmigen, kosmisch nicht ausgeprägten, Zustand zu übergehen.

    Bei den Wesen, im Mikrokosmos, kommt zu einem ähnlichen Prozess. Wenn die Leute sich beispielweise mit der vollen Wirkung der Gravitation begnügen, was vom psychologischen Standpunkt aus bedeutet, dass sie sich mit einer ausschließlich reflexiven Lebensweise bescheiden, entwickeln sie sich nie ins Gefühl der Unabhängigkeit; somit sind sie den Sternen ähnlich, die sich gar nicht in den Zustand der Sonnen entwickeln. Erst wenn sie aber durch die richtige Entsagung der Welt von allem abstrahieren, nimmt ihre gesamte Entwicklung eine steigende Tendenz, zum Zustand der sogenannten selbststrahlenden, göttlichen Wesen. Der Anfang dieser Entwicklung ist charakterisiert durch eine Entfaltung der Aktivität in die Tätigkeit und Spannung. Die Spannung verdrängt die unerwünschten Ausdrücke der Tätigkeit - nämlich das Nachdenklichkeit; somit gelangen die Wesen an den Weg der zunehmenden aktiven Strahlung auf die Art der Alpha-, Beta- und Gammastrahlung.

    Natürlich gibt es keine technischen Mittel zur Identifizierung dieser allmählichen Umwandlung menschlichen Wesens. Vom psychologischen Gesichtspunkt aus weist jedoch der nach Selbstbeherrschung strebende Mensch immer höhere und höhere seelische Spannung auf, was auch ersichtlich ist aus den Änderungen seiner Natur, nämlich aus der passiven in die aktive, in der Regel cholerische Natur. Und dann stellt jener Mensch selbst subjektiv fest, dass sein ganzes Wesen von der Physis angefangen stufenweise in eine Vibration gerät, die umso reiner und angenehmer ist, inwie fern er von der Welt und seinem ganzen Wesen, von sich selbst abstrahiert. Das bildet den Zustand des abstrahierten Bewusstseins, des Bewusstseins von sich selbst, was eine Voraussetzung der Entstehung des selbststrahlenden Daseins ist.

    Nur eine permanente Abstrahierung des Bewusstseins vom Wesen ermöglicht dem Körper einen Impuls zu aktiven Vibrationen, zur Strahlung, zu erteilen, denn nur ein solches Bewusstsein ruft Drücke der Psyche gegen den Körper hervor, die einfach die physikalischen Faktoren des körperlichen Wesens zur Strahlung bringen. Subjektiv gewinnt man somit die Erfahrung, dass sich die Geschöpfe vom physikalischen Gesichtspunk aus durch einen nicht-aktiven oder aktiven Organismus unterscheiden. Einige Wesen leben von einem "ausgeliehenen Licht" wie z. B. die Planeten im Kosmos. Außer dieser gibt es auch die selbststrahlenden Wesen, die vermöge untätigen Gemüts und psychischer Nicht-Aufstrahlung den Sonnen ähnlich sind; ihre Strahlung ist ebenfalls durch ein subtiles physikalisches Nicht-Aufstrahlung bedingt, was in anderem Sinne eine transzendente Kraftkompression ist.

    Es gibt jedoch viele Existenzzustände bei den Wesen, die ähnlich den Planeten sind, d. h. die vom "ausgeliehenen Licht" leben. Nach der Denktendenz werden einige mit sanftem Licht der harmonisierten Wirklichkeiten bescheint und andere, die gerichtet sind auf "erstarrte" Dinge, wie es z. B. für das Bewusstsein materielle Erscheinungen, irdische Dinge sind, werden mit der Außenlicht so schwach angeleuchtet, wie die Satelliten der zu weit von ihrer Lichtquelle entfernten Sonnen.

    Das alles ist eine Konsequenz der psychischen Passivität, der reflexiven Lebensweise, die die gewöhnlichen Psychologen für richtig ansehen, wobei sie den Zwang zur Aktivität, auch in der Form einer exakt genutzten Spannung, für irrig halten. Der Yoga als ein Absenker von mystischen Lehren enthält solche Anschauungen gar nicht, falls es nicht eben eine falsch gedeutete Yogaart ist. Der wahre Yoga führt nämlich zur Erkenntnis, dass die Entwicklung der Erscheinungen von der Dunkelheit der Unkenntnis bis zum Licht der Erkenntnis ein Weg der natürlichen Tendenzen der Erscheinungen ist. Deshalb gehört diese Entwicklung in die wahre mystische Lehre, die ein möglichst kategorisches Ausrotten der Passivität erfordert -zuerst der geistigen und später der allgemeinen, eben durch eine Unterdrückung der Sinnesaktivität und später durch vollkommene Verdrängung der Geistestätigkeit.

    Der Yogi muss daher mit dem Druck des vom Dasein abstrahierten Sinnes den Zustand der "Unaktivität" in den Zustand einer permanenten sponaten Aktivität verwandeln und hierdurch den Weg zum Zustand der selbststrahlenden Wesen betreten, die in der Welt der Geschöpfe den Sonnen ähnlich sind, damit er auf diese Weise den Zustand der Geschöpfe überwinden kann, die den Planeten ähnlich sind, d.h. der Geschöpfe, die vom "ausgeliehenen Licht" leben. Deswegen ist Yoga eine Lehre der Verwandlung des Wesens und nicht eine Doktrin über die Mittel zum Erreichen wonnevoller oder qualvoller Erlebnisse; ein solcher Yoga würde nur den Charakter einer völlig weltlichen Lehre beweisen.

    Wer also den Weg zum Glück mit Hilfe der geistlichen Lehren sucht, sollte zumindest insoweit bewusst sein, damit er versteht, dass das Glück nie durch die Bestrebung um die höchste Sinnesbefriedigung erreicht wird, wenn auch ohne "Frau und Geld", wie es sich viele religiöse Büßer vorstellen. Der Strebende muss begreifen, dass die wahren und tiefen Kummer aus der Verdeckung des Bewusstseins mit Tamas resultieren, aus einer seelischen und überhaupt allgemeinen Unbeweglichkeit, Untätigkeit. Das Glück müsse daher auf dem umgekehrten Weg liegen, in einer steigenden Wesensaktivität, die den Grundcharakter aller Wesenselemente zerlegt, die das Wesen in Stagnation bringen. Er muss begreifen, dass die vom Yoga beabsichtigte und zugelassene Tätigkeit zwar mit physischer Munterkeit beginnt, muss aber durch eine seelische Selbstbeherrschung gesteigert werden. Diese Selbstbeherrschung muss zu ihrem höchsten Grad gebracht werden, wenn die gesamte Geistestätigkeit völlig aufgehalten ist. Nur mit der Aufhaltung der Geistestätigkeit ist die Lösung der Probleme des glücklichen oder unglücklichen Lebens verbunden; dann kann sich das Wesen in den gewünschten Spannungsgrad entwickeln, dessen gewünschte Stufe ist die physikalische Faktore des physischen Daseins zur Schwingung zu bringen. Wenn diese Schwingung erreicht ist, erlebt ein jedes Wesen die Glücksgefühle wie junge, von nichts betroffene, Menschen.

    Erst in diesem Zustand wird die Grenze überschritten, die die immanente von der transzendentalen Welt abtrennt, natürlich in den Zustand der Transzendenz. Erst hier beginnt der Sinn zu expandieren, womit er die Begriffe "die Endlosigkeit des Raumes", "die Endlosigkeit des Bewusstseins", ja auch den Ausdruck "das Reich von Nichts" und "der Scheidepunkt der möglichen Wahrnehmung" erkennen kann, jene sog. vier höhere buddhistische Versenkungen, die dann ins "Vernichten des Bewusstseins" übergehen, allerdings des Tagesbewusstseins, das sich nachher in Zustand, genannt "der extatische Gemütszustand", umwandelt, wie dieser in den Lehren des Hinayana-Buddhismus dargelegt ist.

    Alle hier genannten Stufen sind begleitet mit jeder Art Glück, nach dem sich die Menschen sehnen.