Einleitung:

    Weil ich die Vermutung hege, daß ich meine literarischen Arbeiten vollendet habe, zu deren Verfassen ich durch die Überzeugung geführt worden bin, daß es notwendig ist, den Leuten dasjenige mitzuteilen, zu dem ich als Ergebnis meines mystischen Studiums, der Forschung und der Untersuchung gekommen bin, überlege ich seit längerer Zeit, ob ich den suchenden Menschen nicht auch etwas aus meinem Leben geben soll. Das ist jedoch eine nicht mehr so einfache Aufgabe. Sobald ich nämlich über mich sprechen will, habe ich den Eindruck, als wäre ich zwischen Skylla1 und Charybdis2 geraten. Die Skylla sehe ich darin, daß die Beschreibung persönlicher mystischer Erfahrungen und Erkenntnisse bei vielen Leuten abträgliche Meinungen über mich entstehen lassen kann. Aber wenn ich meine Erfahrungen verschweige, erwecke ich die unbegründete Vermutung, daß niemand der Bewohner des Westkontinents die Lehre so zu realisieren vermag, wie ich sie in meinen Schriften vorgelegt habe. Hierin wiederum erblicke ich die Charybdis. Ich komme daher also zu dem Schluß, daß es am besten ist, geradewegs alles über mich zu erzählen, allerdings ohne das Gesagte erklären zu wollen.

    Sollte jemand unter den Lesern den Eindruck gewinnen, daß ich irgendetwas übertrieben habe, so soll er meine Versicherung entgegennehmen, daß meine Erfahrungen nicht zulassen, die persönlichen mystischen Erlebnisse mit der Absicht zu enthüllen, mich zur Schau zu stellen oder etwas zu entstellen. Es ist schon allzulange her, daß ich die Bestrebung, sich einen guten Namen zu machen als Eitelkeit erkannt habe, die den Menschen auf der ersten Stufe um seine Gefühls- und Mentalbeschiedenheit bringt, wogegen sie ihn auf der zweiten Stufe auch noch der Individualität beraubt.

    Der Verlust des Individualitätsgefühls ist etwas Schreckliches. Das sehe ich bei jenen Personen, die, eben weil sie sich selbst vergessen haben, wie vor der Wand eines ewig stummen Geheimnisses stehen, daß in der Frage "Was wird kommen?" verborgen liegt. Und um sich dagegen zu schützen, weichen sie allen Drangsalen der Welt aus. Dabei verfallen sie allmählich der Gesinnung, daß es nötig sei, zu retten, was zu retten ist, nur um sie sich ihre Ranzen vollstopfen zu können, damit sie geistig träge werden und sich dabei so behaglich wie möglich zu fühlen.

    Ich bin wohl ein Glückskind, daß mir das Schicksal solche Einstellungen und Sehnsüchte entrissen hat. Aber wenn ich so überlege, wird mir dabei auch bewußt, daß nicht jedermann solch eine geistige Kur aushalten würde, ohne geistig aufgerieben zu werden. Eine derartige Kur, wie ich sie durch das Aufnehmen meines mystischen Lebens gemacht habe. Ich kann in meiner Umgebung diejenigen sehen, welche unter dem Joch des sozialen Druckes einer so engen Lebensansicht verfallen sind, daß ihre Gedanken sich nur mehr um ihren Arbeitstisch, um private Ungelegenheiten oder um Familiensorgen drehen, die sie dazu zwingen, den Arbeitgeber zu schelten.

    Ja, ja, ich war mitten unter euch, ihr sozial unterdrückten Leute, aber hattet ihr Verständnis für denjenigen, der aus euren Reihen stammte? Entfuhr eurem Munde vielleicht nicht Hohngelächter über "den Spiritisten", der eher ein Wissenschaftler war als ein Schwächling und der sein Vergnügen außerhalb der Erde suchte, wenn sie es ihm versagte? Wer soll euch jedoch die Unkenntnis und die Voreiligkeit in euren Urteilen vorwerfen, welche selbst noch den geringsten Menschen davon überzeugen, daß er heute alles am besten weiß, obwohl er gestern eine andere Anschauung gehabt hat und morgen schon wieder zu einer anderen Ansicht gelangen wird? Ihr lebt alle unter der Last der Unkenntnis, von der ihr euch weismachen laßt, daß ihr bereits alles wißt und kennt. Vergeßt aber nicht –: Jeder Mensch glaubt, er sei der klügste von allen Menschen, und trotzdem betrügt der eine und der andere läßt sich betrügen, was aber beweist, daß sein Wissen und seine Erkenntnis lediglich auf Einbildung beruhen – und demnach kehrt das Geschick jeden Winkel der Schicksalskonstellation mit ihm aus.

    Es wäre gut anzuerkennen, daß das, was die Leute wissen, viel weniger ist als das, was sie nicht wissen. Dann sollten sie sich durch diese Einschätzung zu einer unparteiischen Untersuchung ihrer selbst im Verhältnis zu ihrem Schicksal anregen lassen. Auf diese Weise würden viele der Lebensgeheimnisse klarer und durchschaubarer zu Gunsten aller werden, die sich so benehmen.

    Ich möchte aber meine Lebensgeschichte erzählen. Ich denke dabei nicht ausschließlich an die äußeren Daten und Ereignisse, sondern eher an das innere Leben. Mein jetziges Leben mögen die Leute beurteilen wie sie wollen; ich vervollständige mit ihm die Lehre, die ich in den anderen Büchern vorgelegt habe. Beabsichtigen sie jedoch in meinem Bekenntnis etwas Erdichtetes zu sehen, dann sollen sie sich mit dem Gedanken beruhigen, daß die Menschen, hauptsächlich die jungen, außer ihrem alltäglichen, durchschaubaren Leben ebenfalls ein inneres Leben führen, in dem sie nicht immer so erscheinen müssen wie es an der Oberfläche aussieht. Falls ihr inneres Leben sich bisher noch nicht zu einer objektiven Manifestation hin entwickelt hat, bleibt es nur eine Abfolge von Bildern, Wünschen und Sehnsüchten; durch das Reiferwerden wird diese Reihe jedoch so geformt, daß sie im vorgerückten Alter zu einem getreuen Abbild desjenigen Lebens wird.

    Wollen wir ein Traum- oder Idealleben in die Wirklichkeit transferieren, so nimmt das sehr viel Kraft in Anspruch. Wenn wir es schließlich ins wirkliche Leben übertragen haben, dann kommt es nicht darauf an, ob wir es auf objektivem oder subjektivem Boden erleben. Wir müssen uns vor Augen halten, daß weder Essen und Trinken noch das Eingehen von Beziehungen mit dem anderen Geschlecht, ja nicht einmal die Bemühung um die gesellschaftliche Stellung dazu dienen, um in der Welt in Erscheinung zu treten, sondern eben um dies alles im subjektiven Sinne zu durchleben. Und darin soll eigentlich der Zweck dieser Biographie gesehen werden. Sie soll das subjektive Erleben eines Menschen-Mystikers präsentieren, der weder früher noch später durch religiöse Vorstellungen gefesselt worden ist und daher die psychologischen Vorgänge mit einem System religiöser Ideen verschmelzen hat können, was in dieser Verbindung ein mystisch-wirkliches Leben erzeugt hat.

März 1956



1 Skylla: In der griechischen Mythologie ein Meeresungeheuer, das in einer Felsenhöhle an der Meerenge bei Messina (Sizilien) haust und die Vorbeifahrenden frißt. Ihr gegenüber liegt –
2 Charybdis: Ein schiffeverschlingender Meeresstrudel; zusammen mit dem Ungeheuer Skylla eine der Gefahren, die Odysseus bestehen mußte. Mit der Redewendung "zwischen Skylla und Charybdis sein" ist in psychologischer Hinsicht ein Gesichtspunkt zwischen zwei negativen Bedingungen gemeint, denen beiden ausgewichen werden muß, obwohl es sehr schwer ist, sich unbeschadet durchzuwinden.