KVETOSLAV MINARIK

KETSCHARA

(Der Pilger durch das Himmelsgewölbe)

Autobiographie des Mystikers


Kvetoslav Minarik in 1958

Motto:
Ich bin derjenige, der die Einweihung ins Mahajana gewonnen und es nach Europa übertragen hat, um es als eine Frucht des günstigen Karmas den Menschen zu übergeben, die sich schon am Ende der tödlichen Nacht der Unkenntnis befinden.


Vorwort:

    Ich lege dem Leser die Autobiographie eines Mystikers vor. Der üblichen Auffassung eines Christen zufolge soll eine solche das Bild eines Menschen wiedergeben, der daran interessiert ist, die bestmögliche Stellung zu Gott zu finden und dieser Position entsprechend sein Leben einzurichten, welches entweder dramatisch oder erfolgreich sein mag, auf alle Fälle aber asketisch ist.

    Handelt es sich jedoch um einen Laienmystiker, erwartet der Leser, daß er in so einem Lebenslauf mit Mirakeln und persönlichen Erfolgen eines Menschen vertraut gemacht wird, der spielend jenen Schwierigkeiten ausgewichen ist, die weltlich orientierten Leuten widerfahren können.

    Bei diesem Lebenslauf geht es aber um den eines Mystikers aus der tibetanischen Schule. Deshalb wohnt die Mystik seinem Leben inne, das sich in ein inneres und ein äußeres differenziert, wobei beide dieser Lebensweisen auf der ersten Etappe als voneinander ziemlich unterschiedlich erfahren werden und dies in jedem Fall sehr deutlich.

    Weil diese ausgeprägte Verschiedenheit in erster Linie subjektiv empfunden wird, kann es bei uninformierten Lesern den Verdacht erwecken, daß das innere Leben des tibetanischen Mystikers entweder frei erfunden oder mit vielem phantastischen Beiwerk ausgeschmückt ist. In der Tat symbolisiert eben die tibetanische Mystik ein stark angespanntes inneres Leben, welches dann soweit heranreift, daß das unvollkommene Außenleben von diesem Innenleben absorbiert wird.

    Die laienhaften Mystiker vermuten, die Hochspannung des inneren Lebens brächte sinneserfreuliche Ergebnisse sofort auch auf der Ebene des Außenlebens. Dies ist jedoch ein Irrtum, der die Unkenntnis der mystischen Entwicklung bezeugt. Vom Gesichtspunkt der mystischen Entwicklung aus, ist es nämlich am wichtigsten, ob es dem Aspiranten der geistigen Vollkommenheit gelingt, sein mystisches Leben real und konkret zu leben und nicht als ein bloßes Gefühlsfortreißen in nebulose, abstrakte Zustände und Aufwallungen, wie es häufig geschieht. Dieses Fortreißen der Gefühle hat nämlich mit Mystik nichts zu tun; es resultiert allein aus der passiven Lebensstellungnahme eines Schwächlings, der sich lediglich nach abstrakten Dingen sehnt und von diesen träumt, während die Mystik eine Disziplin ist, mit deren Hilfe man sich auf der Geistesebene selbst unter Kontrolle bringt und dann zu Geisteszuständen führt, die man leben will.

    Was die Unstimmigkeiten betrifft, die der Leser dieser Biographie bemerken kann, – in Bezug auf das Erwähnen von geistiger Macht auf der einen Seite und von einem argen Schicksal auf der anderen Seite –, so kann er diese durch das Verständnis beseitigen, daß das äußere Schicksal das reife Karma versinnbildlicht, wogegen das innere Leben, also das eben hervorgerufene, somit unreifes Karma darstellt. Er kann sich alles durch den Vergleich mit dem Leben des Menschen im Winter erklären. Die Winterperiode symbolisiert nämlich unser physisches Leben; auch leben wir ja im Winter von der Ernte und nicht von der Herbstsaat. Demgemäß lebe ich auf der physischen Ebene genauso von der Ernte der vergangenen Taten; ich habe jedoch eine Lehre gefunden, mit deren Hilfe ich den Boden des neuen Karmas bearbeiten und Saatkorn für eine neue gute Ernte aussäen habe können. Falls keine Möglichkeit bestehen sollte, an die Früchte dieser Aussaat – welche die vorangegangene mystische Bemühung nämlich verkörpert – bereits auf dieser Welt zu gelangen, so kann man besagte Früchte dennoch auf einer anderen Ebene pflücken. Man muß wissen, daß unser geistiges Leben bereits während unseres physischen Lebens auf der Erde anderen Sphären zugehörig sein kann. Das eben spendet Trost für diejenigen, die zuviel arbeiten und nicht sofort die Erträge ihrer Bemühung und Arbeit erhalten können.

    Das mystische Leben habe ich sehr gut kennengelernt. Deshalb muß ich keine Grenzlinie suchen zwischen dem "Jetzt", das für das physische Leben und die Existenz steht und zwischen dem "Dann", mit welchem die Zeit nach dem Tode ausgedrückt wird. Aus diesem Grunde lebe ich auch die Zukunft bereits in der Gegenwart und infolgedessen auch das mystische Leben als ein konkretes Leben. Andernfalls würde sich nämlich mein mystisches Leben nicht einmal für mich selbst als wirklich erweisen, sondern nur als ein Traumleben; unter diesen Umständen wäre es nicht nötig, diesen Lebenslauf und auch sämtliche vorangegangene Bücher über die Lehre geschrieben zu haben.

    Träumen können wir was wir wollen, und trotzdem ist es unnütz. Ebenso verhält es sich mit mystischen Zuständen. Jegliche innere Verzückung, die für einen solchen mystischen Zustand gehalten werden kann, ist eine vergängliche Gemütsbewegung, deren Bedeutung durch die Lebensrealität, d. h. das normale physische Leben, vernichtet wird. Wir können sie vergleichen mit der Erregung, in die wir im Theater oder Kino versetzt werden, die aber zugrunde geht, sobald wir wieder von den Drangsalen des Alltagsleben beeinflußt werden.

    Über mich kann ich sagen, daß mein Leben nicht einmal in der heißesten Glut der Schicksalsspannungen zerschmolzen ist. Es ist wie ein Kristall gewesen, der sich seine Struktur unter allen Bedingungen erhalten hat und das selbst beweist seine Realität. Im Gegenteil, es ist bewiesen worden, daß es realer als das Alltagsleben gewesen ist, denn in Schwierigkeiten hat es sich immer dermaßen gesteigert, daß sich alle Schicksalszufälligkeiten nur als Wellen erwiesen haben, die gegen die massiven Felsenufer eines durch mystische Anstrengung gestärkten Inneren geschlagen haben.

    Das ist vielleicht eine kleine Besonderheit, die ich in meinem mystischen Leben entdeckte, als ich viele sogenannte Mystiker beobachtete. Jene gaben in der Regel die Mystik sofort auf, sobald ihnen etwas Schwieriges und Bedeutsames im Außenleben widerfahren war, während sich das mystische Leben bei mir durch die Schicksalsschwierigkeiten nur noch heftiger steigerte. Aber nicht einmal daraus schließe ich auf meine Überlegenheit über diese Mystiker. Ich weiß, daß auch sie sämtliche Schicksalsnöte ausgehalten hätten, die so gewaltig die mystischen Bemühungen erschüttern, wenn sie ebenfalls niemanden gehabt hätten, so wie ich keinen hatte, von dem man Hilfe erwarten hätte können. Es ist mir klar geworden, daß jemand verzweifeln oder sich mit Hoffnungen vernichten kann, und doch hilft es niemandem im Kampf – mit der Wirklichkeit. Daher schöpfte ich soviel Atem, wie ich benötigte, um jene Lebensschwierigkeiten zu überwinden, denen ich zu der Zeit ausgesetzt war, als ich in gewisser Richtung noch mystisch wuchs.

    Wohl war ich schon von Geburt an karmisch alt gewesen, daher mißtraute ich unvollkommenen Lösungen, die ich beispielsweise auch darin sah, wenn jemand eifrig nach einer Scheibe Brot strebte und diese sofort und um jeden Preis haben wollte. Ich vermutete, daß die Schicksalsschwierigkeiten und -vorteile reife Früchte seien, die man erst dann essen könne, wenn sie einem in die Hand fallen. Und weil ich dieser Ansicht treu blieb, schuf ich kein sogenanntes Kausalkarma mehr. Aus diesem Grunde ist hinter mir das Feld des Karmas sauber, und erst dies bildet den Anhaltspunkt dafür, daß das Leiden gleichzeitig mit diesem desolaten Körper, den ich zurzeit habe, zugrunde geht. Hierauf Rücksicht nehmend, fühle ich mich berechtigt, folgende Wünsche kundzutun:

    Es mögen viele Leute das Karmagesetz erkennen und mit seiner Hilfe die Freiheit erreichen!
    Es mögen viele Leute das mystische Leben so führen, daß es nicht bloß eine Gefühlserregung sei, sondern ein wirkliches Leben!
    Es mögen viele Leute die Zeit vernichten, die ihr physisches Dasein in ein "Jetzt" und ein postmortales "Dann" zerteilt!
    Es mögen viele Leute die Götter erkennen und sich über die das Leiden beendende Lebensweise belehren!
    Es mögen viele Leute die höchste BEFREIUNG erreichen!

Kvetoslav Minarik