Kapitel V
Prüfungen:

    Ich verdiente meinen Lebensunterhalt auf verschiedene Weise. Im ganzen kann man sagen, daß die Not bei uns den endgültigen Wohnsitz aufschlug. Ich sollte nie mehr von „normaler Arbeit“ leben, das heißt, als ein Handwerkgeselle. Mein Lebensweg wandte sich völlig. An das Finden einer neuen Stelle war gar nicht zu denken, und daher musste ich meinen Unterhalt auf eine andere Weise verdienen. Das bedeutete für mich jedoch keine Erleichterung. Ein Handwerk mit einer schweren und aufreibenden Arbeit hätte mir täglich Brot leichter gegeben, obwohl sich in mein Leben die Mystik einmischte, die mich seelisch enorm erschöpfte hinsichtlich meiner Vorbereitung auf die Übertragung der Lehre.

    So begann ich „der Krone nachjagen“ auf eine ganz andere Weise als bisher, und die Mystik belastete mich unverhältnismäßig mehr als früher. Ich fing an mit Astrologie. Ich vermutete - und nach Jahren bestätigte mir dies der Buchstabe des tibetanischen Lehrensystems - daß die Astrologie der Mystik am nächsten ist. Überdies hatte ich zu Sternen eine gewisse Beziehung. Schon als ich zwölf Jahre alt war, als ich bei einem Bauer auf dem Rübenfeld arbeitete, traf ich einen Menschen, der meine Aufmerksamkeit in diese Richtung lenkte. Er war ein Spiritist. Das hörte ich von ihm, und von der Verachtung anderer Leute ihm gegenüber war er für mich etwas wie ein verkörperlichter Schrecken.

    Ich beobachtete ihn. Er war ein Schaffner vom Namen sowie Posten, dennoch arbeitete er mit anderen Leuten auf dem Feld. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, stützte sich auf seinen Rechen oder ein anderes Wirtschaftswerkzeug - und schlief. Dann wachte er auf, und verwirrt legte er wieder Hand ans Werk. So seien die Spiritisten, erfuhr ich.

    Er war aber ein einfacher Mensch, und er begriff nicht, daß er vor sich einen Buben hat, der sich als ein Auswurf der Menschheit fühlte, sogar vor den ärmsten und elendsten Leuten. Er erzählte mir über Sternen, sie seien Welten wie die unsere, und die Leute aus unserer Gesellschaft, die es von ihm hörten, wussten, daß er närrisch sei. Er war doch nur ein Schaffner, und so sagten sie ihm nichts ins Gesicht.

    Seine Reden wirkten auf mich so ein, daß ich erstaunt war, was alles es auf der Welt gibt. Mein Kopf war leider mit hundert Schlössern verschlossen: worüber ich wusste, daß es sie gibt, war die Not. Unendliches Leiden, Hunger und Hass, den ich durch den Einfluss des Stiefvaters auch aus der Mutter spürte. Ich wusste nur, daß ich nur dafür gut bin, damit sie mir Tritte versetzen konnten, sollte ich im Wege stehen. Und im Kopf hörte ich eine drohende, ständig wiederholte Erinnerung: „Er ist ein Flegel, frisst, ist stark, er soll irgendwohin zum Bauer in den Dienst gehen.“

    Das ist, Herr Schaffner, kein geeignetes Feld für eine Theorie über Sterne und für Betrachtungen, ob sie besiedelt sind. Wenn ich nicht von den erfreulichen Visionen der tanzenden Nixen und bösen Wassermänner gelebt hätte, wenn sich in meinen Sinn keine Erinnerung gedrängt hätte, daß ich einst gelebt hatte, früher als ich geboren wurde, in einer viel besseren Welt, hätte ich mich gefühlt nur das zu verdienen, daß mich eine Dampfwalze sovielmal überfahren würde, damit nach mir nicht einmal ein Fettfleck blieb.

    Aber wie dem auch gewesen wäre, setzten in mir diese Dinge im ganzen die Elemente des Wesens in so ein System zusammen, daß...

    Ich ging über Venus, in der Richtung gegen den Nordpol. Die Ebenen waren weiß, wie wenn verschneit. Ich befand mich in hohen Breiten in Richtung vom Äquator der Venus, und dies erkannte ich danach, daß das Gelände abfiel hinsichtlich meiner Orientierung auf diesem Planeten, dessen Äquator in vertikaler Lage angesichts der festen Basis lag, die ich irgendwo unterhalb des Planeten herausfühlte. Plötzlich erblickte ich einen Edelstein. Einen herrlichen, glänzenden, großen. Ich hob ihn auf, und erwägte: Ich nehme ihn auf die Erde mit.

    Die Venus verschwand. Ich wurde bewusst, daß ich mich der Erde, meinem schlafenden Körper nähere. Ich war schon beim Körper und hatte Zeit zu bedenken: Ich verstecke den Edelstein unter das Polster, damit ich nicht vergesse, wo ich ihn gab, und wenn ich aufwache, nehme ich ihn. Gleich darauf fühlte ich mich im Körper, und ich erwachte. Blitzschnell drehte ich mich um und griff unter das Polster. Ich werde einen schönen Edelstein haben, sagte ich zu mir.

    Eine Enttäuschung. - Was mich in dieser Welt des Dunkels freuen konnte, war nicht hier. Warum hat man solche Träume, welche die sowieso unüberschreitbare Kluft zwischen der Tatsache und anderen glücklicheren Welten noch vertiefen? Und so erhielt ich nur ein massiveres Siegel einer schrecklichen, für die Zukunft unlösbaren und vielleicht nie aufhörenden Depression...

    Dann, eine gewisse Zeit vor der Realisation befreite ich mich von der tierischen Wärme. Ich gewann eine Möglichkeit, durch den endlosen Weltraum mich zu bewegen in gleicher Weise wie die Leute, die Stadtgehsteiger begehen können. Ich verspürte hier die Gravitationskräfte so, wie sie kein sterblicher Mensch durch seine Sinne erkennen kann. Und als ich auf die Erde nach der Realisation zurückkam, wusste ich: Dies ist der Einfluss vom Mars, das kommt vom Jupiter, das von der Sonne und das vom Mond. Den Saturn untersuchte ich, indem ich mich hin so losmachte, wie sich aus dem Körper nach Erlebnissen ewig sehnende Menschen „losmachen“, die ekelhafte „Magier“, „Mystiker“ und „Spiritisten“ werden.

    Ich war auf dem Saturn, im Halbdunkel, und sah Geschöpfe eher geistig als physisch, deren Gefühlsleben ich ungeheuer harmonisch fand. Daraus schloss ich: So ist der Einfluss vom Saturn als einem Planeten. Und Merkur ermittelte ich schnell auf psychometrische Weise. Hierdurch erkannte ich Astrologie in den groben Zügen.

    Der St. muss sich ja noch erinnern, als ich ihn schnell aufmerksam machte: „Vorsicht, Mars wendet seinen Pfeil,“ und er schnitt sich in dem Moment. Das bezwang ihn doch auch, sich um die Einweihung zu melden.

    Anschließend, weil mich die Astrologie privat interessierte, bestellte ich mir Efemerids aus England, um mich über die Wirkung der Sterne von ihren Lagen auf dem Himmelsgewölbe zu belehren. Und dann waren mir diese Kenntnisse nützlich - sie halfen mir die Familie und mich auch vor dem Hunger schützen.

    Bevor ich allerdings an die Anwendung der Astrologie zwecks Lebensunterhaltes gelangte, fand ich in einem Jahrgang Rafaels Efemerids eine trigonometrische Formel zum Rechnen der Häuser, und in anderen, deutschen Efemerids die Polhöhen der „inneren Häuser“. Damals wusste ich allerdings nicht, daß ich die Tabellen der Häuser kaufen könnte. Ich dachte daher über diese Formel und über die polaren Höhen nach, und es schien mir darauf etwas unrichtig zu sein. Ich forschte weiter und ermittelte, und ich tauchte mich in die sphärische Trigonometrie unter, die mir im Hinblick auf meine Schulausbildung so fern war wie der physische Saturn meinem physischen Körper. Ich bekam aber einen Einfall, und fand eine neue Formel für so genannte innere Häuser. Ich verschaffte mir Tabellen der goniometrischen Funktionen, und als ich auf der Stelle arbeitete, wo mein Chef das Gewerbe auf meine Konzession betrieb, errechnete ich mir bei der üblichen Arbeit Tabellen der Häuser für 48°-51° nördliches Breitengrades. Ich rechnete diese nicht etwa für das augenblickliche Bedürfnis, sondern für ein wenig Übung in der Mathematik und auch zur Bekanntmachung mit Trigonometrie.

    Damals kam ein gewisser Student - Mittelschüler in die Werkstatt, und sah auf dem Arbeitstisch Unzahl von Papieren mit lauter Zahlen. Er fragte, was der „Meister“ macht. Als er erfuhr, daß ich einige Tabellen mit Hilfe von Logarithmen rechnete, erklärte er mit Bewunderung, er wäre es nicht imstande.

    Erst nach Jahren, etwa im 1950, als ich einige Bücher über Astrologie in die Hände bekam, erfuhr ich, daß den Zweifel in mir das System von Placidus erregte, und so, ohne das zu wissen, errechnete ich Tabellen nach dem System von Regiomontanus.

    Als ich begann meinen Lebensunterhalt mit Astrologie zu verdienen, kamen mir diese Tabellen zugute. Aber ein Horoskop zu erstellen? Die Leute kennen den genauen Augenblick ihrer Geburt nicht, und ich „pfuschte“ mühevoll die Sätze meiner Erkenntnis aus der Nativität. Manchmal schien mir nichts daraus, was ich geschrieben hätte, für eine Beurteilung geeignet, weil ich die Vorstellung des Bittstellers und das Beurteilungshoroskop mit Einflüssen der Konstellationen verglich. In diesem Falle rief ich den Bewerber zu mir aus seinem Körper, und fragte ihn einige Details aus seinem Charakter. Dann erstellte ich das Horoskop aus der Nativität, seinen Erkundigungen und meinen eigenen astrologischen Regeln, die ich in manchen Fällen im Verhältnis zu alten astrologischen Regeln „auf den Kopf stellte“.

    War es aber möglich, nur von Horoskoperstellung zu leben?

    Manches Horoskop ist sehr mühsam, und seine Ausarbeitung dauerte mir mit Rücksicht auf den Mangel an die Schulbildung und den nicht geschulten Urteil eine Woche. Ich erforderte für ihn 30 Kr., aber das war wirklich eine Verlustarbeit. Sogar heute, wo ich ein tiefes Urteil habe, wenn ich ein Horoskop ausmachen sollte, möchte ich das Beurteilungshoroskop für weniger als 300 Kr. nicht bearbeiten, und das komplette könnte meiner Meinung nach 500 Kr. kosten.

    Wir müssen über diese Sache ins klare kommen: Sehr ungern verknüpfe ich Sachen aus verschiedenen Fächern, und daher nehme ich an, daß das Horoskop aufgrund astrologischer Daten erklärt werden muss und nicht mit Hilfe der Wahrsagerei. Aus dem Grunde bildete ich mir später in Astrologie auch theoretisch aus, ich verglich die Systeme von Placidus, Regiomontanus und Campanus, studierte die primären und sekundären Direktionen, und - hörte auf, mich auf die Astrologie zu stützen. Ich weiß nämlich, daß obwohl die Astrologie richtig ist, enthält sie als eine theoretische Lehre so viele Daten, daß die normale Vernunft diese nie aufnehmen und auf eine feine Weise zusammenstellen kann. Aber das ist nur außerdem.

    Ich unterhielt also meine Familie und mich selbst sehr mühsam. Etwas hier, etwas dort, und nach einem objektiven Urteil war ich nicht mehr zustande, meine Existenz zu verteidigen. Übrigens schritt meine mystische Entwicklung auf dem zweiten Weg - nämlich nach der ersten Realisation - so weit fort, daß ich nicht einmal imstande war, meine Existenz aus geistigen Gründen zu verteidigen. Unter diesen Umständen versank ich immer tiefer beim Einblick in die Zukunft...

    Es ist möglich, meine Frau, mein Sohn und meine Mutter, daß ich vernichtet werde als ein Mensch durchaus unfähig euch und mich zu unterhalten, und daß ich aus diesem Land mit einem stets wiederholten Gedanken weggehe, daß mein innerer Ruhm mir nicht im geringsten dazu beitragen kann, mich vom Tod eines vor Hunger vergehenden Hundes zu retten. Ich sehe doch schon jetzt, wie mir die Leute ohne Geist als Beispiel dienen können, wie man Brot erwerben kann.

    Konnte ich aber das tun? - Wegen dem inneren Wort selbst und sittlichen Hemmungen, für die durch das Gotteslicht verursachten Exaltationen meines inneren Menschen und Bewusstseins konnte ich versuchen, meine Nahrung schon nur in einem Dreck auf der Straße zu suchen wie ein Wurm, der sich daraus seine Welt baut.

    Und wie vergleicht sich dann der geistliche Ruhm mit der äußeren Not, mit der äußeren Unfähigkeit den Lebensunterhalt zu erwerben? Stell dir jetzt die Frage, du Magier, Mystiker, Mensch, welcher die physische Unsterblichkeit erlangtest und welcher die Einweihung von Demiurg, Maha Rishi, Christus und Kind hast. Vielleicht willst du nicht dein Problem der Not lösen, und den weltlichen Leuten zeigen, wohin die Mystik führen kann? Oh, keineswegs. Meine Situation darf nicht einfach sein. Ich muss geglüht werden vom Feuer der Sorgen, Grauen, Betrachtungen und von der Vereinigung der unbegreiflichen Kontraste, als ein Mensch, der zur Welt nur dann kommt, wenn die Welt einen großen Feiertag hat.

    Jawohl, mein Kopf sank vor Ratlosigkeit über dieser unsinnigen Situation. Und ich, eher tot vor Krankheit und Kummer als lebendig, musste in mir - nimm es wo immer - noch etwas Kraft zum Überwinden dieser Situation ausgraben. Wirklich schien es mir, daß die Situation nie zum Ende kommt... In diesem Falle muss ich fallen, aber ich falle nur aufrecht. Auf Grunde der inneren Betrachtungen und Maßstäbe durfte ich nicht riskieren, ein Raub des Hüters der Schwelle zu werden, der mich schon sehr gut durch Tausende und Tausende von Leuten bewachte mit Absicht, mein Brot nicht erwerben zu können, wenn ich schon auf die Idee nicht verzichten wollte, daß der Mystiker nicht immer umfallen darf - entweder dort vor der Todespforte oder hier vor den Augen der Leute als ein im Leben unfähigster Mensch.

    Und der Hüter der Schwelle verspottete mich: „Gibst du die Befehle den Geistern, damit du Gott mit keinen Kleinigkeiten belästigst? Vergiss nicht, daß nicht nur die Geister, sondern ALLE samsarische Wesen mir gehören. Und Gott? - Hör, wie ich lache. Er ist ein übersamsarisches Wesen, und du weißt gut, daß Brot auf die Weise zu kaufen, indem du etwas von den übersamsarischen Qualitäten mit samsarischen vermischt, sich nur diejenige Leute und Wesen leisten können, die unter zarten Berührungen des brahmischen Lichtes erwachend, diese Tat durch die Kraft des Unwissens vollbringen müssen. Hiermit fallen sie wieder, und sie fangen dann eine neue Entwicklung unter der Peitsche noch schwerer Trübsale an. Ha, ich weiß, du machst das nicht, und deshalb bist du in meiner Gewalt. Du stirbst so, wie Würmer sterben, und das wird deine Schande sein, denn du bist doch ein Mensch.“


    Dies ist mein Leid, oh, allerheiligster Gott. Und nicht einmal in Form eines Wunsches darf ich mucken: Hilfe! - So dachte ich damals nach.

    Ich jagte also Brot so nach, wie es jeder geistig tote oder machtlose Mensch macht. Ich unternahm große Fahrten zu Fahrrad, und ich aß nichts. Hinter Hradec Kralove (Königgrätz) fiel ich deswegen vom Fahrrad vor Erschöpfung und Hunger herab. Damals war es nicht vorauszusetzen, daß ich mich die ganze weitere Reise nach Pardubitz hindurch erhole, obwohl ich mir etwas Wurst kaufte, wobei ich allerdings überlegte, ob ich dann etwas Kronen nach Hause bringe. Dann fuhr ich auf dieser Heimreise von einem großen, unbekannten Hügel herab, wo ich bremste, und dabei schliff ich die Bremsklötze in der Bremse ab. Vom Fahrrad saß ich nicht ab, weil es für mich zu mühsam war, ein paar Schritte sogar bergab zu tun.

    Ich war unter dem Hügel. Ich konnte nicht in die Pedale treten, erst nach einem mehrmaligen Versuch. Und so, nach vielen Stunden, mehr tot als lebendig, kam ich endlich zu Hause an.

    „Siehst du, meine Frau, etwas hab´ ich verdient.“

    Im Himmel rechneten sie in der Zeit:

    „Das ist kein Geld, das ist Blut.“ Und anscheinend schoben sie ihre Erkenntnis in Form von Gedanken und Verständnis einigen meinen Freunden.

    Diese schlossen:

    „Wir müssen ihm helfen.“

    Ihr dumme Schlauköpfe, bedachte ich. Eure Entscheidung steht unter der Aufsicht des heute bereits gegen mich mächtigen Hüters der Schwelle.

    In der Zeit kam zu uns eine kleine Gesellschaft der suchenden Menschen. Die geistige Kraft, die einen zur Realisation bringen kann, lief von einem auf den anderen über. Ich lobe also diesen, dann jenen und weiß: Aus dem allen muss trotzdem überhaupt nichts werden. Einem rate ich: „Vermeiden Sie Liebesverhältnisse mit Mädchen anzuknüpfen.“ Und gerade in einer Woche meldet er mir: „Ich habe schon ein Mädchen.“ Das sind ganz sonderbare Aussichten.

    Schließlich machte einer von allen zwei Fortschritte nacheinander. Ich sage ihm: „Jetzt holt Sie keiner der anderen mehr ein.“ Das hatte eigene Sachgründe. Er als einziger, zu schüchtern eine Frage zu stellen, hörte zu und notierte nicht, was es auf Jupiter gibt, ob der Gedanke, in den jemand ein Bein des „Schülers“ der Mystik verpackt, von der „alten Sau“ oder vom Polizisten herkommt; ob der Engel Trompeten von einer irdischen Firma herkommen, oder ob sie selber diese Produktion haben, ob sich die Teufel mehren indem sie Eier legen und nachfolgend aus den Eiern kriechen, oder sie auf eine andere Weise ausgebrütet werden, und wie viel Jungen sie haben... Nein, das alles interessierte ihn nicht. Er schrieb nur Lehrsätze auf, daß man dies und jenes tun muss, und so war das Ergebnis seiner mystischen Anstrengung ganz logisch.

    Ich beobachtete seinen weiteren Fortgang.

    Schreckliche Lebenserfahrungen, die mir die Welt erteilt hatte, gaben mir die Macht eines Einweihers, der einen vorbereiteten Menschen, der sich nach der Befreiung sehnt, sofort und direkt übertragen kann. In diesem Falle musste ich allerdings auf eine Entwicklung warten, die sozusagen von selbst verlief. Aber es ging ohnehin vorwärts, obwohl ich skeptisch dort war, wo ich nicht eingreifen konnte.

    Endlich...

    Es war Samstag, und bei uns war wieder eine Gesellschaft. Er war unter den anderen. Er kam aus einem Spaziergang, und etwas war ihm geschehen. Er wollte darüber sprechen. Ich griff ein: „Lassen Sie davon ab!“

    Er schwieg also zermürbt.

    Aber es war nichts zu befürchten. Der Gang des Zeit hörte noch nicht auf. Die übrigen gingen ja schon weg. Er wollte auch gehen. Nicht so rasch. „Warten Sie ein Moment,“ hielt ich ihn auf.

    Der letzte Besucher war schon weg.

    Rasch erklärte ich ihm: „Dort im Wald war es eine Realisation.“ – Erleichterung? – Jawohl, auch ich musste ihn anlächeln in meiner jetzigen, schrecklichen Not. Aber ich belehrte weiter: Diese Realisation ist nicht die beste. Er wusste es doch selbst. Nach einiger Zeit sagte er mir nämlich, er hatte den Eindruck, als wäre es in diesem Augenblick zu viel gewesen. Dabei hatte er sich selbst schwach gefühlt, so daß ihm Manches davonlief. Übrigens war es gut, daß er dies wahrnahm. Es gab und gibt andere Leute, die so ein elendes Erlebnis für ein Siegel davon halten, daß Gott selbst sich vor ihnen verneigte.

    Diese Realisation war aber nicht so schlimm. Bei seiner Erkenntnis, daß ihm etwas oder Vieles dabei weggelaufen war, wurde diese Realisation ein Ausgangspunkt zu weiteren Erfolgen auf dem Feld der Mystik. Und schließlich hatte er auch das Herzen auf dem rechten Fleck. Am meisten fühlte er die Wahrheit über meinen Zustand und die Situation. Daher kam er zu mir für alle und sprach aus:

    „Wir überlegten, wie wir Ihnen helfen könnten, aber alles ist wie verhext. Niemand kann den geringsten Betrag zusammenbringen, um Ihnen beitragen zu können. Was steckt darin?“

    „Der Hüter der Schwelle.“

    „Wissen Sie was,“ fügte ich hinzu, „macht es so und so, und ihr alle, die mir helfen wollt, werdet soviel Geld haben, wie viel ihr spenden wollt. Sei es für euch gleichzeitig ein Beweis, daß das mein Erwerb ist. Übrigens habt ihr euch durch den Willen zur Hilfe in eine unlösbare Situation verstrickt. Der Hüter der Schwelle würde euch von dieser Zeit an auch verfolgen. Verstehen Sie mich?“

    Er verstand. Deshalb kam er wieder mit einer Feststellung, daß er vorläufig nicht wisse, wie die anderen daran sind, aber ihm geht alles ungewöhnlich gut. – Und so kam die Rettung eben im Augenblick, wo ich überlegte, die Familie zu verlassen, damit ich die Leute nicht vor Hunger sterben sehe. Dies ist allerdings die Situation, die erlaubt die Hilfe zu akzeptieren.

    Wozu gelangte ich aber hierdurch? Zu einer langen, endlosen Abhängigkeit von den Menschen, die zu mir für Ratschläge in der Lehre kamen. Ich bin nicht und war nie kleinlich, um nicht zu wissen, daß ich für jemanden als ein Schneider oder ein Schuster arbeite, dagegen weiß ich auch, daß dies eine andere Arbeit ist, und diese wird normalerweise nicht honoriert. Die Ansicht über den unentgeltlichen Unterricht der Lehre verbreitete insbesondere ein gewisser ekelhafter Schlaukopf, und diese Ansicht wurde natürlich von allen suchenden Leuten aus offenkundigen Gründen angenommen. Er proklamierte nämlich, ein wahrer Führer gebe die Lehre immer grundsätzlich kostenlos – wenn nicht, sei er dann ein Scharlatan. Mit dieser Behauptung bestärkte er die Mystiker in dieser Überzeugung insoweit, daß sie damit die Echtheit und Unechtheit der Lehre maßen. Dabei kaufte sich dieser „Führer“ aus dem Ertrag von der Mystik eine Mühle, er frönte der Leidenschaft des Weidmanns, und in seinen sechzig Jahren war er hinter den Mädchen her mit Blumensträußen – vor Übermut.

    Ich stand hier vor der gähnenden Gurgel des Todes vor Hunger und sollte mich aufgrund allerlei Irrtümer von der falschen mystischen Lehre in solch ein Schicksal ergeben? Außerdem hatte ich den Willen vorwärts zu gehen und eine LEHRE gründen, und deshalb verdiente ich mir eine bescheidene Scheibe Brot.

    Hör doch mal, „Mystiker-Greis“, in welchem es keinen Gott gibt, sondern nur sich verkörperndes Interesse für ein gemütliches Leben und für Geld, das du für eine nicht ganz musterhafte Lebensweise brauchst, was über mich ein Ingenieur sagte, und wie ich darauf reagierte. „Der Ihr Chef,“ sagte er, „führt ein flottes Leben, wenn er Geld für nichts verdient.“ Es ging um mich. Ich ging zu ihm und sagte ihm: „Ich arbeite, und zwar hart, Hiergegen Sie kommen ins Amt und machen Horoskope zu nicht dem geringsten Zweck, und dann gehen Sie heim. Dafür verdienen Sie solches Gehalt, daß Sie keine weiteren Sorgen haben und Ihren Steckenpferden sich hingeben können, sogar in der verbindlichen Arbeitszeit.“– Nein, nein, ich bin kein mystisches Lamm, welches zuerst in Trauer nach den erfreulichen Sachen sehnt, und wenn diese nicht kommen, ändert er sich zu einem Basilisk und gewinnt die Sachen durch eine Hinterlist...

    So ging das Leben weiter, und vor meinen Augen begann ein geringfügiges Lichtlein erstrahlen. Ich hätte vielleicht sogar in Ruhe gelebt, aber das Unrecht, das ich im Herz nicht hielt, fühlte sowieso den Raum rund um mich. Daraus ergab sich eine neue Situation.

    Ich besuchte damals häufig die Hauptstadt, und ein Zusammentreffen der Umständen brachte mich dazu, daß ich ging, nicht aber alleine, in eine Versammlung des „Schüler-Führers“, damit man erklären kann, was geschehen war.

    Die Versammlung war los, und der hitzige H. ergriff das Wort.

    Es blitzte: Das sind die aus Pardubitz.

    Ein Sturm.

    Es ist möglich, daß der „Schüler-Führer“ weich saß. Hinter den hoffärtigen Losungsworten, wie mit den schwarzen Magiern einen kurzen Prozess zu machen, trug er in sich eine panische Furcht. H. wurde jedoch von mystischer „Polizeiabteilung“ herausgetragen und schrie etwas in den Raum. In mir trat ein unerträglicher Widerstand auf, und deswegen ging ich wortlos fort. Die bereit bekannte Frau J. mit noch einigen unbekannten Männern liefen mir nach. Was eben passiert war, gab einen Beweis, daß es bei Minarik mystisch hässlich, unrecht sei. Hinter der Tür solle der „Schüler-Führer“ etwas über einen argen astrologischen Tag gesagt haben, als einen Beweis des Eingriffs der schwarzen Magier. Und draußen entfaltete sich ein Gespräch mit Frau J. Sie zeigte auf einen der Männer, die aus der Versammlung nachgingen und machte kund: „Der könnte sprechen.“ Ich schaute heftiger als Blitz durch, und deshalb machte ich eine abwehrende Handbewegung und drehte mich um... Ja, wie ein zu großer Herr. Aber da war es noch JUC. K., der von mir später die Lehre empfing.

    Frau J. beobachtete mich und fand bei mir keine Änderung, die aus dem Rosenkreutzer auf einen schwarzen Magier hingewiesen hätte. Zum Schluss gingen wir alle unter der Aussicht eines Polizisten voneinander , den jemand schnell herbeiholte, damit er dazwischenträte, obwohl er keinen Grund hatte sich ins Mittel zu legen.

    Meine Freunde fragten mich nach dem Fortgehen: „Was die Frau J.?“

    „Die wird sich jetzt mit dem Führer zanken,“ entgegnete ich rätselhaft.

    Weil sie mir unvoreingenommen begegnete, besuchte ich sie am nächsten Tag in der Wohnung. Sie stellte fest, ich sei immer gleich, um nichts schlimmer als ich damals laut ihrem „Führer“ ein „Rosenkreutzer“ war. Hiermit wuchs ihre Kritik und Zweifel zu ihrem „Führer“.

    Während meines Besuchs kam zu ihnen noch eine Lehrerin, und weil es meine Pflicht war, mich vorzustellen, stellte ich mich unter dem bekannteren Titel vor, als mein Name war: „Ich bin der schwarze Magier aus Pardubitz.“

    Frau J. stellte mir aus: „Sehen Sie, dies ist das, wodurch Sie sich beschädigen. Warum sagen Sie das überhaupt?“

    „Sie kennen mich hier so,“ war meine Antwort.

    Dann war nichts los, bis eines Freitages. Ich konzentrierte mich, und bei der Konzentration verschob ich mich innerlich automatisch in den Raum oberhalb der Räumlichkeit, wo diese Mystiker ihre regelmäßigen Sitzungen abhielten. Und als ich schon am Ort ihrer Versammlung war, schaute ich in das Lokal hinein. Dabei schien hinter und über mir eine imaginäre Sonne und warf ihr Licht in diese Räumlichkeit. Selbst ich war in dieser Sonne. - In einer Weile wurde die Situation anders, und alles kehrte in die Wirklichkeit zurück.

    Ich überlegte: „Sonne und diese Mystiker? Dort geschieht etwas!“ Und gleich am nächsten Montag erhielt ich eine Nachricht: Wortstreit, Ausstoßung der Frau J. aus dem Verein, sie verschluckte viele Tabletten, denn sie brach von Nerven zusammen...

    Nach einiger Zeit war ich erneut in Prag, und ich kam bei Frau J. in der Wohnung vorbei. Ich fühlte nämlich nie eine Befangenheit gegen jemanden, und jederzeit wechsle ich gerne ein paar Worte mit den Menschen gleicher Interessen. Übrigens schätzte ich immer diese Frau für ihre Begeisterung und Echtheit. Konnte ich aber mit etwas zu ihrem Fortschritt beitragen? Ich war für sie immer der kleine Bursche aus der früheren Zeit, und sie war bereitwillig mit mir nur als mit einem suchenden Menschen zu reden, der die gleichartigen Probleme über Erreichung hat wie sie und alle anderen, einschließlich ihres heute schon früheren „Gurus“, wie sie damals vermutet hatte.

    Bei nächsten Besuchen entschied ich mich also für einen Weg, der ein Aufdrängen der Hilfe bedeutet. Ich brachte sie in Aufregung mit Absicht, in ihren Geist ein Problem hineinzutragen, das sie später auf dem Wege höher bringen könnte. Ich machte das sogar so aus, daß ich mal mit den Worten kam, ich gehe sie besuchen mit Absicht, mit ihr in Streit zu geraten – für Mittagessen. Die komplizierte Situation, die ich bildete, erregte in ihr gemischte Gefühle. Sie ahnte, daß ich „etwas weiß“, aber sie glaubte nicht, denn sie vermutete, daß „Fall wie Fall“ ist. Sie wollte mir auch etwas aus ihrer Mystik darbieten, um mir zu helfen, wogegen ich steif und fest trotzte. Als ich später von ihr einen Brief bekam, daß sie jetzt den größten Meister der Mystik entdeckte, den sogar ihr früherer „Führer“ hoch achtete und nach dessen Schriften er sehnte, fiel mir etwas ein, und daher antwortete ich brieflich, daß es sicher um einen Unrat aus der Zeit nach der Schlacht am Weißen Berge geht.

    Ihr Ehemann entgegnete statt ihrer, es sei kein „Unrat nach der Schlacht am Weißen Berge“, sondern der Meister Eckhart.

    Na ja, dachte ich, er ist wohl kein Unrat, aber er kommt wenigstens aus der Zeit nach dem Weißen Berge her...

    Frau J. dachte, es sei mit mir unerträglich. Sie riet mir:

    „Sehen Sie, es geht Ihnen so schlecht, weil Sie die Mystik falsch ausführen. Ich dagegen übte und bat, weil ich auch in eine finanzielle Not geraten war, und schau – im Wäscheschrank fand ich einen Bund Hundertkronennoten...“

    Ich zeigte keine Verwunderung, nur maß ich ab:

    „Sehen Sie, wenn Sie richtig geübt hätten, hätten Sie dort nichts gefunden.“

    Dann traf ich einen, der angeblich Nirwana erreicht hatte. „Er ist unerregbar, hat um sich eine gute Atmosphäre, suchende Menschen scharen sich um ihn,“ und andere Einzelheiten teilte mir jemand mit.

    Ich war auf alles gespannt, und deshalb ging ich auch diesen Mann ansuchen. Keiner seiner Anhänger sah in mir einen ernsthaften Asketen, und eine ältere Dame erklärte:

    „Als wir da hierher zu Franz gekommen sind, haben wir auch gedacht, daß wir etwas wissen. Dann erkannten wir, wie blöd wir alle sind.“

    „Das seid ihr,“ sagte ich, um sie zu versichern, daß ich glaube.

    Das gefiel ihr allerdings nicht. Sie empfahl mir es doch als eine Beschwörungsformel gegen Stolz. Und ich wurde darüber nachdenklich, daß ich von sowohl Stolz als auch Demut frei bin, von den zweien Enden des Moralstricks.

    Diese Leute ertrugen jedoch die unruhige Atmosphäre, die ich mittrug als das beste, was den Leuten helfen kann. Und da sie das aushielten, kam ich gelegentlich auch in diese Gesellschaft. Aber die Unerregbarkeit dieses Adepten zerstörte ich mit meinem verfluchten unsichtbaren Pfeil, den ich im Gespräch versteckte. Sonst war aber alles in Ordnung.

    Später erfuhr ich von Frau J., daß der Mann, den sie mir damals als „den Herrn, der sprechen könnte“ demonstriert hatte, große Erfolge aufweise. Die großen Erfolge des „Herrn, der sprechen könnte“, hat sie dadurch bestätigt, daß durch seinen Einfluss „ihre Lotus in Glut gerieten“.

    Mit dem Mann, der vermutlich Nirwana erlangt hatte, hielt ich eine gewisse Korrespondenz, und so erwähnte ich bei dieser Gelegenheit in einem Brief, daß der Herr der Frau J. keine Lotus in Glut bringen solle, sonst wenn er eines Tages in den Himmel kommt, wird er von mir – und falls ich nicht zu Hause wäre – dann vom Gott, aus dem Himmel herausgewatscht.

    Inzwischen besuchte ich noch die Gesellschaft des „Mannes im Nirwana“! Er interessierte sich dafür, was ich mit dem „Meister-Schüler“ zu tun hatte. Da es eben während der Verabreichung vom Tee war, erklärte ich, daß nicht vom Wort, allein, sondern auch vom Tee der Mensch lebt. Hiermit und mit weiteren Reden war ich zu viel lebhaft für ihren Geschmack, und so sprachen sie mit mir darüber, es sei gut, wenn man sich beherrscht.

    „Der Mann im Nirwana“ begann gerade etwas aus der tibetanischen Mystik zu lesen, und mir dämmerte auf: Also, hierher gehöre ich? Meine lange Unsicherheit, wohin ich mystisch gehöre, war gerade am Ende.

    Ich konnte allerdings dieser Gesellschaft darüber nichts sagen, damit sie mich nicht für einen „Suchenden“ hielten.

    Ich versuchte den „Mann im Nirwana“ auf einige Sachen aus der tibetanischen Mystik fragen, aber diejenige, welche mir vor einer Weile die Selbstbeherrschung empfohlen hatten, fielen mir ins Wort, lenkten seine Aufmerksamkeit von mir ab, und so bildeten eine für mich ganz ungünstige Situation.

    Es fiel mir ein: Ich gebe ihnen eine Gelegenheit zur Selbstbeherrschung. Daher, als der „Mann im Nirwana“ auf eine Frage eines Mitgliedes dieser Gesellschaft antworten wollte, lenkte ich seine Aufmerksamkeit zu mir mit Worten:

    „Mit den sprechen Sie nicht, die sind alle blöd.“

    Das war zu viel sogar für die Leute, die sich sehr gut mit der Selbstbeherrschungsformel vertraut machten. Sie waren gerade in einer ungünstigen Situation, und deshalb konnten sie auf die Beleidigung nicht reagieren; sonst hätten sie mir bewiesen, daß sie sich nicht beherrschen. Ich konnte darum ungehindert fragen, was mich interessierte. Mittlerweile berührten meine Ohren die Schwellungen ihrer Inneren, und aus dem Grunde entschied ich mich, nachdem unser Gespräch mit dem „Mann im Nirwana“ geschlossen wurde, zu ihrer Beruhigung mit der Bemerkung beizutragen: „Sehet ihr. Wenn ihr mir gesagt hätten, ich sei ein Blödel, hätte ich euch gefragt, warum. Es ist ja nicht nötig, dabei zornig zu sein.“

    Sie mussten mir meinen Triumph lassen, und – man ging zum Abendmahl, zu welchem sie mich auch einluden. Sie setzten Schinken, dünne Beißpaprikaschoten und Sliwowitz vor. Ich war ewig hungrig, und Schinken war mir recht. Wohl hätte ich sogar gierig gegessen, aber so was wie ein Eindruck, daß das auch arme Menschen sind, mäßigte meine körperlichen Bedürfnisse.

    "Der Mann im Nirvana" selbst trieb mich an.

    Ich griff also Schinken zu, aber Paprika und Sliwowitz lehnte ich ab.

    "Der Mann im Nirvana" sah darin meinen mystischen Formalismus und regte mich an:

    "Paprika und Sliwowitz sind auch Nahrung...

    Ich schoss zurück:

    "Und wenn man sie nicht hat?"

    So ließ er mich schon in Ruhe.

    Später schickte ich dem „Mann im Nirvana“ einen Brief, der ihn wütend machte, trotz seine Unerregbarkeit. Er schmiss daher einen von den Menschen raus, die zu mir nach Pardubitz kamen, der gerade bei ihm zu Besuch war, als er den Brief bekam und las.

    Jawohl, mein Leser. Die Mystik ist nicht nur der gegenseitige Respekt. Das erkannten die zwei oder drei Leute aus der Gesellschaft des „Mannes im Nirwana“, als sie mir ein gewisses Bild zeigten als eine Belehrung, die auch für mich gelten sollte: Ein Kind, das auf allen vieren krabbelt. Dann einen Knaben, hinterher „einen Mann in den besten Jahren“, danach des Alters Anfang, und schließlich einen Opa wieder auf allen vieren gehend.

    Ich wollte mich nicht belehren lassen, ich sei der „Mann in den besten Jahren“, und unschuldig widersprach ich:

    „Man zeigte schon schönere Äffchen in der Welt, und der Mensch verblieb dabei ein Mistvieh.“


    Hiermit beschloss sich die Epoche meiner Suche nach den Menschen, die auch Erkenntnis erlangt hatten. Alles schien mir rau, drastisch, gewaltig im vulgären Sinne, aber ich befand mich im Leben, und nicht in der Schule über die Etikette. Übrigens nahm ich aus alledem mehr als ich gab. Ich erkannte die Leute de facto und nicht nur im himmlischen Sehen. Ich sah ihre richtigen und unrichtigen Anstrengungen, ihr nicht unauflösbares Haften am Ich, welches aus mir nicht nur meine mystische Disziplin austrieben, sondern auch das Leben, und zwar seit meinen acht Jahren, als mir der Vater gestorben war.

    Soll ich etwa meine Handlungsweise mit Mystikern rechtfertigen, daß es eine Bestrebung zu helfen war, eine Bestrebung, den Brahma zu geben, welchen ich lebte, völlig und bedingungslos jedem Menschen, in dem ich karmisches Bereitsein und die Reife sehen würde? Eben die Reife erkennt, daß unter der Schale des harten Mannes ein besserer Kern steckt - und meine Schale sollte auf immer eine Prüfung für alle werden, die zu mir um Rat in der Mystik kommen. Nur keine Sentimentalität! Die Leute sehen mit Augen, und daher können sie errechnen, wer es sein werde, der bis zu Ende über den Berg der Gegensätze überschreitet, hinter denen ich mich verschanzte - hört mal - mit dem empfindlichen Herzen, damit ich etwa irgendwas einem ungeeigneten Menschen auf einer ungeeigneten Stelle nicht gebe. Und Gott gab mir darin nie einen Rat. Er erdachte, ich sei selbstständig...

    Mit Abschluss der Prüfungen, die in der Untersuchung der Mystiker enthalten wurden, die ich in diesem Zeitraum traf, schloss sich auch die Fresse der erschreckenden Not, ohne daß ich durch den Schlund in ihre Eingeweide durchfiel. Diese Eingeweide symbolisiert eine Vernichtung, nicht aber auf der Todesschwelle oder in einer Falle vom Dämon der Schwelle, sondern in einer stillen, durch das schleichende Grauen sich auszeichnende Hoffnungslosigkeit, die ich als den letzten geistigen Feind auf dem Weg zu Nirvana erkannte. Ich wusste ja schon: Man kann auch derart fallen, daß die Not aus ihm Pessimismus erringt; dann wird jeder Mensch - möge er wie immer gut den Angriffen und Fallen trotzen können - durch seine Gemütsverfassung vernichtet. Und weil ich das wusste, errechnete ich meine Zukunft wie ein Mathematiker eine Aufgabe, wenn er die erforderlichen Glieder der Gleichung angegeben hat.

    Was allerdings die Erfahrungen mit Mystikern der „Schüler-Führer-Art“ und des „Mannes im Nirwana“ Sorte, waren diese wirklich nicht günstig. Ob ich auch weiterhin nach der Realisation das Leben in der Zähmung für eine Notwendigkeit hielt, womit ich weiteren mystischen Erkenntnissen trotzte, bemerkte ich nichts ähnliches bei den übrigen Mystikern. Aus diesem Gesichtspunkt erschienen sie deshalb als Menschen, vor denen ein nicht durchforschtes Lebensfeld liegt; damit hängen allerdings Sittenmängel, Leidenschaft, Trieb, Individualität und andere Hindernisse mystischer Natur zusammen.

    Ich war hingegen im Stadium der Suche nach denjenigen, die durch den Verzicht eine Einweihung in Form der Realisation erlebt hatten, und durch den weiteren Verzicht der Früchte von Einweihung (Realisation) sie auf den Weg der definitiven Entpersönlichung eintraten. Diesen Weg darf nur ein großer Leidabschlussdrang in Form der Realisation des absoluten Bewusstseins bestrahlen. Leider darf ich sagen, daß ich solche Leute nicht fand. Ich lernte nur solche kennen, die sich theoretische Kenntnisse mit der mystischen Realisation verwechselten, und das war die Ursache, dass mein Glaube, dass es Menschen gibt, die Lehre im wahren Sinne des Wortes kennen, wörtlich zermalmt wurde.

    Ich lernte also die Lehrekenner kennen, die den Wiesenblüten ähnlich waren durch ihre individuelle Auffassung der Lehrentheorie, und musste mich damit abfinden, dass ich mich auf dem Brachfeld des geistigen Lebens befand, welches bebaut werden sollte. Das war die Ursache, warum ich mich bestrebte, in mir eine Tauglichkeit von Mitteilung der Lehre heranzuzüchten. Hiermit trat ich den Seitenweg der intellektuellen Entwicklung ein. Die intellektuelle Reife sollte mir helfen, das Lehrenmosaik zustande zu bringen, welches einerseits die mystische Erfahrung, andererseits die Weisheit darstellt.

    Darauf zielte ich also in weiteren Jahren hin, wo ich mir mit meiner Lehre relativ sicher war, wo aber auch nötig war, an der Forderung zu bestehen, daß meine Lehre im Leben eines weiteren Menschen oder weiterer Leute bestätigt werden muss.