Kapitel X.
Heutzutage

    Das Jahr 1956 fing nicht gut an. Sie erkannten wieder, wir seien Agenten vom Imperialismus. Darnach seien diese Agenten sicher überall. Und wir sind hier endlich in einem wichtigen Ort. Vor den Fenstern ragt ein kleines Spritzenhaus empor, und es liegt wohl im Interesse der „westlichen Imperialisten“ etwas darüber zu erfahren, ob und wann die für dieses Regime zuverlässigen Männer fester Arme und starker Muskel aus dem Spritzenhaustor die kaputte Feuerspritze herausziehen und beginnen mit dem mächtigen Stoß ihrer Kräfte das Weltfeuer mit riesigen Wassermengen aus einem kleinen unweiten Teich zu löschen, und das alles nur um jede schlechte Absicht der Imperialisten durchzukreuzen. Das sollen wir wohl nach London oder Washington wissen lassen, so daß die Kriegsbrandstifter ein neues Feuer anderswo legen und somit die Volksversammlung beunruhigen könnten, die den Frieden so angestrengt aufbaut, daß ihre Einwohner die Gürtel enger schnallen müssen, so daß die Staaten dieser Versammlung die sämtlichen Aufwände bezahlen müssen - für Waffen. Aber - wunderlich sind die Wege der Gottesweisheit.

    Auch gleich zu Jahresanfang starb mein Bruder. Seine Leiche lag im Sarg in einer katholischen Kapelle und davor zwei große Kränze mit roten Blumen, die ihm dorthin die „Partei“ legte. Der Priester hatte eine gewisse Trauerzeremonie vorgenommen, und dann ging man zum Grab. Eine weitere Rede des Geistlichen, der dann zurücktrat, und an seiner statt traten zwei politische Redner hinzu. Der erste erweckte mein Interesse nicht; er war zuviel normal. Aber der andere? Mit vernichtenden Blicken die Gaffer sowie die trauernden Verwandten ansehend, in Momenten, als er ohne Einsicht ins Papier wusste, was er sagen soll, erklärte er schließlich:

    „Wir versprechen dir Olda (Ulrich), daß wir im Kampf für das Wohl unserer Kinder fortsetzen werden, die Worte, die du so oft wiederholt hast.“

    In meinem Inneren schlug ein greisenhaftes, böses, sarkastisches Lächeln heraus. Er sprach die Worte aus, die ich vor mehr als vierzig Jahren von meinem Vater gehört hatte. Die Worte, mit denen mein Vater die Ablehnung der besseren Lebensmöglichkeiten entschuldigte, die sich ihm erboten. Ich bedachte: Es ist ganz möglich, daß gleichartige Worte die Leute und Kinder von ihren Vätern und Brüdern im stürmischen Jahre 1848 hören konnten. Vielleicht sogar in der großen Französischen Revolution oder unter römischen Kaisern oder im Diluviumszeitalter. Und wenn wir die Tiersprache verständen, ist es auch möglich, daß wir diese Worte von einem mit Brontosaurus kämpfenden Pterodactylus gehört hätten. Wer weiß...

    Es steht jedoch außer Frage, daß wenn sich die Menschen nicht ändern, werden wir dann „für das Wohl unserer Kinder“ weitere Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch kämpfen werden müssen. Daher müssen wir immer Acht geben, daß ein Beutemacher diesen Kampf nicht zum Strafen ganzen Volks anwenden würde...

    Endlich gelangte auch das Begräbnis zum Abschluss. Und als ich schon vom Grab wegging, musste ich daran denken, für welche tiefe Erfahrungen sich mein älterer Bruder die hohe Anerkennung erdient hatte, die ihn für einen fortschrittlichen Kämpfer bezeichnet hatte, wogegen ich immerfort für einen Volksfeind gehalten werde. Übrigens, hier sind seine Verdienste, deren Aufzählung den Leser ein wenig ermüden mag.

    Unmittelbar nach dem Tod meines Vaters erbat ihn die Oma - einerseits weil er nach der Mutter nicht eigen war, andererseits weil er der einzige Katholik in unserer Familie war, die Seele, die nach unserer Oma Meinung zu einem Schandfleck in der Familie von „Gottesleugnern“ kommen könnte. Dann stahl er jedoch dem Opa das Getreide aus dem Speicher, weil er ewig Geld für Unterhaltungen und Rauchen brauchte. Großvater ließ dieses Motiv nicht gelten - und er vertrieb ihn aus dem Hause. So trat er von einem Dienst zu einem anderen bei Bauern auf dem Lande. Und da er wie Orpheus sang, schleppten sich die Mädchen nach ihm wie Gänse nach dem Ganser. Sie luden ihn zum Tanz ein, wohin er gerne ging, aber er pflegte nichts anzuziehen haben. Sie kauften ihm daher ein Kleid, und er - aber erst nach der Unterhaltung - verkaufte es.

    Unter solchem Quälen von regierender Klasse der ersten Republik erlebte er den Militärdienst. Die harte Anordnung der „angefaulten Welt vom Kapitalismus“ hielt ihn in der Gefangenschaft zwei volle lange Jahre hindurch. Aber alles nimmt sein Ende, so auch seine Militärzeit. Dann wusste er nicht, was er unternehmen soll. Er hatte ein Mädchen, das ihn bewachte, es zog ihn dann an und führte ihn zum Altar. Aber das reichte zum Lebensunterhalt nicht. Einmal ging er seinen Onkel besuchen, wo gerade ein gewisser verwandter Generaldirektor zu Besuch war, und so bekam er eine Arbeit in der Fabrik.

    Er war verheiratet, und seine Ehefrau beschwerte sich, daß er nach dem Lohntag oft erst am Sonntag morgen heimkommt. Über nichts anderes beklagte sie. Aber dann erfasste seinen ruhelosen Geist die Unruhe eines Menschen, der immer höher zielt.

    Also ging er ins Gasthaus und spielte „Färbel“. Er ging völlig in Sinnenwonne während dem Kartenspielen auf, und dann rief er oftmals in Erregung: „Das reicht!“ oder auch „Noch mehr!“

    Aber eine unruhige Seele hält es bei keiner Sache sehr lange aus. So begann er eine gewisse „Landtätigkeit“, die nach einer kleinen Änderung der politischen Organisierung auch eine „illegale Tätigkeit“ werden könnte. Er erklärte mir nämlich einmal geheimnisvoll: „Das Frauchen dort hat eine Bekanntschaft mit dem Kerl dort, die dort mit jenem und die andere mir dem anderen, und alle sind verheiratet.“

    Ich zweifelte darüber.

    „Darauf kannst du Gift nehmen!“, sagte er. „Wir sind drei Männer und verfolgen ihre Spur, wir kriechen vorsichtig auf dem Bauche bis zu ihnen, wenn sie im Wald sitzen, und dann warten wir bis zum kritischen Augenblick...“

    Diese seine Abenteuersucht war ihm später nützlich. Sie riss ihn nämlich in die „Mutterpartei“, wo er seine wahre proletarische Abstammung erkannte. Sogar begann er auch die Weltpolitik zu machen. In einem Gespräch mit mir beschuldigte er Truman und Churchill, sie treiben schrecklichen Unfug in der Welt. Er sah binnen zwei bis drei Jahre eine Revolution in Frankreich und Installation einer gerechten Regierung vorher, und so weiter und so fort. Als ich ihm etwas einwandte, erkannte er deutlich:

    „Selbstverständlich, du gehst mit Kapitalisten. Du bist doch einer von denen. Deine Denkweise ist kapitalistisch.“

    Sein Leben erlosch. Und der Redner mit dem vernichtenden Blick sprach die Leidworte aus: „Schade, daß er uns im zweiten Fünfjahrplan nicht helfen kann.“ Dann ließen sie endlich unter herzbrechendem Weinen seinen Sarg im Rotschein vom Sozialismus in tiefes Grab herunter. Wenn ich ein vernünftiger Katholik wäre, würde ich anschauen, ob er in dem roten Schein nicht in einige Flammen sinkt. Die Hölle ist doch irgendwo unten. Aber was ich, ein Ungetaufter, darüber weiß. Apropos, der Priester selbst wog jedes Wort unentschlossen ab: „Gott in seiner weisen Gerechtigkeit vergibt ihm hoffentlich die Sünden, ob er einige beging.“

    Übrigens, selbst wenn er gut wüsste, hätte er nichts mehr sagen können. Hinter ihm stand ein professioneller Redner, der Mann mit dem vernichtenden Blick, während die Schreckenherrschaft mit ihrer Gerechtigkeit drohte...

    In dem Dorf, wo wir vorübergehend wohnen, verlautet es: Wenn die ihre Spionage etwas für sich nicht hätte, wären sie gekommen. Aber dann ließen die Fröste nach, und wir kamen an. Die Männer der stählernen Resolutionen säumten jedoch bisher mit dem Herausziehen der Feuerspritze zum Löschen des von Imperialisten gestifteten Weltfeuers und zur Stärkung des Friedens. Und so milderte sich allmählich auch die Schärfe der Falkenaugen, die unter die Tür und anderswohin blicken. Und ich beende meine Arbeit an den Handschriften. Die Tochter der Frau L., als eine Professorin der tschechischen Sprache bekam eine Möglichkeit, mich über den Satzbau zu belehren, aber dies kam auch zu spät. Sogar so spät, daß ich die nützlichen Ratschläge nicht mehr anwenden kann. Ich kann nämlich nichts mehr schreiben.

    Ich versuchte es unlängst, aber ich stellte fest, daß ich mich wiederhole. Das ist nicht notwendig. Deshalb konstatiere ich: Alles verläuft bei mir umgekehrt. Ich bekomme eine Lektion der tschechischen Sprache, wenn ich schon alle Bücher geschrieben hatte. Dabei scheint es mir nicht, daß die formalen Mängel in meinen Schriften so schlimm sind. Die etlichen winzigen Korrekturen, die mir Professorin in meiner Handschrift ausführte, machen die Darlegung zwar klarer, aber in Wirklichkeit gibt es nur sehr wenig Korrekturen. So kam ich mit den Geistern, die ich einst zu Hilfe berufen hatte, nicht so schlimm an...

    Meine Frau fühlt sich zu dieser Zeit auch besser. Trotz der chronischen Nervenentzündung in oberer Halswirbelsäule ist sie relativ ruhig, und Gott gebe es, daß im Herbst meines Lebens ich auch hier beobachten werde, daß der Himmel der Vorherbestimmung sich aufheitert. Ich möchte gern, wenn es sich das bestätigen würde, was ich einst sagte:

    Ihre Realisation ist die reinste und vielleicht auch von höchster Qualität, denn sie ist nicht vom Verstand bemakelt. Dazu möchte ich bemerken:

    Wir alle anderen bewahrten uns den Verstand. Deshalb müssen wir uns bemühen, daß das Schicksal sich auf uns wieder mal nicht etwas wie eine Strafe erfände, in dem Sinne, daß wir uns wieder mit angeborener Intelligenz und in schlechten Sozialverhältnissen verkörpern sollten.

    Es ist 1956, eben zehn Tage nach dem Datum, als ich begann, diesen meinen Lebenslauf zu schreiben. Frau L. feiert dabei ihren zehnten mystischen Geburtstag, und die Übertragung reift bei ihr heran, wogegen ich stehe bevor dem dreißigsten Jahrestag meiner mystischen Wiedergeburt. Das alles scheint mir wirklich als ein günstiges Vorzeichen. Günstig darum, weil ich meine Arbeit nicht für abgeschlossen halte. Es ist nötig, das dritte und weitere und weitere Glied der Kette von heiliger Dynastie zu schmieden. Dabei mache ich mir keine Illusionen. Der dauernde Kampf bereitete mich darauf vor, daß ich von Tag zu Tag das gesamte Interesse für mein Werk ablegen kann. Ich werde nämlich dessen bewusst, daß ich hier dreißig Jahre mit denselben Erfahrungen war, und es war daher genug Zeit für alle, die suchen. Das tut mich kühl und bedachtsam. Und dann: Die Arbeit hat einen Anfang, einen Höhenpunkt, und die Zeit der Vollendung. Andernfalls würde man in Urwäldern der Tätigkeit seinen Weg verfehlen...

    Also kann ich sagen: Wäre es nicht dessen, daß die armen und armseligen Opportunisten mit dem Scharfblick eines erfahrenen Politikers und Polizisten in einer Person erkannten, daß wir nahe an dem kleinen Spritzenhaus dafür sind, damit wir hier die Spionage vornehmen und die „glücklichen“ Leute der volksdemokratischen Republik um die Arbeit bringen durch das Streben nach der Rückkehr von früheren grausamen Verhältnissen, und wenn sie in uns nicht die Diversanten und Agenten von westlichen Imperialisten (der König der Maros) erkennten, könnte ich in relativer Zufriedenheit leben.

    Ich weiß doch, daß ich:

  1. Glücklich durch das sittlich und seelisch vernichtende Grauen von Armut und Not durchgegangen war.
  2. In mir genug Kraft gefunden hatte zur Übertragung allen psychologischen Faktoren in einen einzigen, von der Intellektualkraft dynamisierten Punkt unter Bedingungen, unter denen die anderen Leute sozusagen Maschinen wurden, die apathisch den Händen ihres eigenen Karmas erliegen.
  3. Die Unbildung überwand, indem ich meinem Gemüt meine mystischen Erfahrungen und Wahrnehmungen mitzuteilen wusste.
  4. Ziemlich lautlos die endlos lange Prüfung von Not und Armut des Vaters von Familie überstand, der seine Pflicht im vollen Ernst erfasst.
  5. Ebenfalls hielt ich alle normalerweise unerträglichen Drücke vom Einweihungsvorgang aus, durch welche ich auf die Stufe des Eingeweihten der tibetanischen Bruderschaft vom Donnerkeil hingeführt sein sollte.
  6. Ich war imstande, das Problem eines mystischen Eingriffs zwischen einem heranreifenden Mystiker und den Personen zu lösen, die einen Anspruch auf sowohl ihn als auch mich erhoben.
  7. Ich war in der Lage, bei jedem das wirkliche Bereitsein für geistige Realisationen von anscheinenden Bereitschaften zu unterscheiden.
  8. Ich wusste den irreführenden Beispielen der schlecht erfassten mystischen Anstrengung und Demut zu widerstehen.
  9. Ich fürchtete mich nicht, sogar bei sehr feiner Unterscheidung vom relativen, aber karmisch bedeutsamen Gefühl, daß ich verwunde, das, was zu verteidigen verdiente, zu verteidigen und mit kategorischen Eingriffen es zu verfechten.
  10. Es gelang mir, die realistische Lebensanschauung mit der Ansicht eines alle Aufträge der mystischen Lehren beachtenden Mystikers zu vereinigen.
  11. Ich stellte auf den Kopf die Theorie darüber, der Mystiker müsse nur ein Dummkopf sein, unfähig in der Welt, und nach der üblichen menschlichen Meinung „stupid“.
  12. Mit der Kraft der Voraussicht und Gewandtheit wusste ich den dämonischen Verfolgern zu entgehen, die in Uniformen der Staatspolizei anstrebten, sowohl mich als auch mein mystisches Werk auszurotten, das ich entschloss aufgrund der Erkenntnis und der Erfahrungen vollzubringen, die ich mit Hilfe einer guten Realisation von geistigen und mystischen Werten gewonnen hatte.

    Und so stehe ich hier heute eigentlich schon als jemand, dem es gelang, zu der Möglichkeit zu gelangen, die mystische Lehre zu übertragen...

    Und sogar eine Bekenntnis: Nicht mehr allein lebe ich das mystische Leben eines Verehrers vom Mahajana. Es gibt hier ein zweites Geschöpf, welches durch sein Leben und die Anstrengung meine längst vergangene Theorie über die sämtlichen Probleme der Lehre bestätigte, ein Geschöpf, das die Schleuse öffnete, die da im Wege der Mitteilung der Lehre stand, indem es bewies, daß der Weg, den ich gegangen war, auch für andere Menschen gangbar ist. Und vor meinen Augen hebt sich ein Vorbote ab, daß die Fackel, die bei mir angezündet wurde, nicht gleich in der zweiten Folge erlöscht, sondern zugunsten der Welt und der Menschenwesen abgegeben wird.