Kapitel I
Vom Karmaschutz:

    In diesem meinen Leben wurde ich nicht von solchen Schicksalsschlägen getroffen, die den Brand meiner inneren Unzufriedenheit stillen konnten. Obwohl dieses Feuer natürlich nicht kleiner oder größer war als das, an dem jeder andere Mensch leidet, doch erzwang die Schicksalskonstellation bei mir die Wahl eben dieses Weges, den ich ging. Übrigens wurde mir nur dieser einzige Weg ohne unüberwindliche Schwierigkeiten eröffnet.

    Wo aber steckte die Wurzel der unbeugsamen Schwierigkeiten meines Lebens? Das war eine Frage, die in meinem Hirn auftrat. Bis ich eines Tages die Antwort auf sie erhielt. Weder durch Eingebung von Geistern noch durch einen aus meinem Inneren emporsteigenden Einfall. Ich erhielt sie anders - ganz anders.

    Das erste Glied der Kette, welches zeigte, warum ich in solchen Lebensverhältnissen steckte, fand ich in dem Augenblick, wo mein Bewußtsein sich sozusagen losriß vom Zustand, den ich als gegenwärtiges Ich darstellte und in unabsehbare Vergangenheit zurückkehrte, dorthin, wo sich meine vorigen Inkarnationen zeigten. Da mich nur das gegenwärtige Schicksal interessierte, befand ich mich daher vor dem Gekreuzigten, sagend: "Klar, es war der Sohn Gottes..."

    Seit dem Augenblick wurde ich wiederholt geboren und immer wieder starb ich in mir selbst, unter Kontrolle des heutigen Selbstbewusstseins und am Ende dieser Reinkarnationsreihe konnte ich feststellen, daß dies jenes Verdienst war, das mich durch 24 Existenzen des Edelmannes gehen ließ!

    In diesem Zusammenhang wurde ich belehrt, daß wenn wir das Gute unseres Standes nur quittieren und nichts dazu hinzufügen, werden dann die Schicksalsverdienste ausgeschöpft. Wer würde aber anders tun als seine Schicksalsvorteile nur annehmen? Und so auch ich ging durch alle meine Leben, begabt mit Karmaverdiensten, die von einfacher Anerkennung jemandes stammten, der völlig (geistiges) Innenleben führte, nämlich Jesus.

    Seit der Weile bin ich auf der Erde zum fünfundzwanzigste Mal und mit Sicherheit würde an meinem Schicksale nichts geändert, wenn ich zu Hause säße und mir die Zeit mit guten Gefühlen vertriebe, wie es bei einem gut sozial gestellten Mensch passieren kann, der in seinem Zustand auf keine der großen Leidenschaften leidet. Ich saß aber nicht zu Hause. Ich saß zu Pferde gegen feindliches Heer aus Frankreich. Und dieses Heer, belastet mit Sorgen für seine Existenz und hineingerissen mit mörderischer Leidenschaft auf Grund des Selbsterhaltungstriebes, beachtete auch das nicht, daß es hier einen Menschen gibt, dessen gutes Schicksal in der Schwebe ist, weil es nicht mit dem Schweiße seines Angesichts geschaffen wurde, sondern bloß mit einem kleinen, eher theoretischen Verdienst. In dieser Unkenntnis wurde er mit einem Schuß in jene Welt geschickt; also nicht in arger Absicht, sondern weil es halt eine Zeit des gegenseitigen Schlachtens war.

    Ich gehe also durch die Reinkarnationen weiter als ein guter Christ. Nicht aber in den Himmel oder in die Hölle, sogar nicht mal ins Fegefeuer, wo ich eine Sünde abbußen werde damit ich danach im ewigen Leben oder im Himmel verankere. Ich mag nämlich Leben, weil ich bisher noch nicht erkannt hatte, daß das ganze Leben außer ein paar flüchtigen, relativ angenehmen Momenten, ein großes Leiden ist. Übrigens könnte ich die Lebenssucht auch nicht liquidieren, die Sehnsucht, die jeder andere auch hat und die mich selbst natürlich auch hält, denn Sehnsucht nach Leben in dieser Hinsicht ist stärker als ich - und sie wäre stärker als ich auch in einem solchen Falle, wenn ich in der Zeit schon gewusst hätte, daß eine Kampfentzückung auch ein großes Verschulden bedeutet, das auch karmaentsprechend gestraft wird.

    Belastet also mit Unverdienst aus Kampfentzückung eines Soldaten, ausgerüstet wie jeder anderer Geschöpf mit Lebenssucht, erwecke ich zum Leben am Ort, der mit seinem Rücken an ruhiges Gebirge lehnt, wogegen es mit der Stirn in den Kreis schaut, deren Wirtschaftsherz lebendiger pulsiert als wo immer anders in unserem Land.

    Ohne daß ich oder wer immer aus unserer Familie darüber wüsste, erhielt ich mit meiner Geburt horoskopische Bestätigung meiner letzten Existenz, denn in meiner Nativität setzte sich im fünften Haus der eben elevierte Mars, mit der Sonne günstig bestrahlt. Für die jetzige Existenz bildete sich ein charakteristisches Kreuz zwischen Mond aus zehntem, Venus aus viertem, Uran und Neptun aus zweitem und achtem Haus, während der königliche Jupiter die künftige Existenz in königlichem Vorzeichen auszudrücken trachtete, und dazu noch in Rezeption mit der Sonne und in gutem Aspekt mit Venus.

    Beim Erstaufwecken zum Leben bin ich bewußtlos, geradeso wie jedes andere eben geborene Lebewesen. Mein seelisches Leben wird von der Umgebung modelliert, wie jedes anderen Kindes Leben, aber ich werde zu ihm erweckt beeinflußt mit einer kleinen Geschichte, die mein Vater erzählt, briete angeblich irgendeiner "Pfarrer" seiner Köchin Sitzteil auf einem rotglühenden Kochherd nur deshalb, weil sie ihm nicht zu Willen war.

    Hiermit wurde mein Verhältnis zu alledem mit Kirche zusammenhängenden geformt. Ich hielt von ihr fern, überzeugt, daß wenn ich zu nahe vorbeiginge, könnte der Pfarrer mit einem Messer herauslaufen, das Messer mir in den Nacken hineinstoßen und dann mich auch backen könnte, allerdings aus anderen Gründen. Aber das unterschied ich damals nicht. Daher manchmal am Sonntag, als ich auf dem Marktplatz auf die Auserwählte meines Herzens wartete (ich war damals 7 Jahre alt) und von einiger Entfernung den Raum vor der Kirche beobachtete, wo sich die Kirchenbesucher versammelten, überlegte ich tief, warum die Leute keine Angst vor dem "Pfarrer" haben, der sie doch auch erstechen und backen lassen kann, genauso wie die Köchin.

    Es war ein schwieriges Problem, das ich befriedigend löste durch Schlussfolgerung, daß sie wohl die Verschwörer des Pfarrers sind... Dann hatte ich kurz eine Sorge, daß mich keiner der Verschwörer erwischt und nichts böses mit mir macht, da ich sie nicht alle im Kopf behalten und ihnen auf der Straße ausweichen kann. Diese meine Erziehung, von der ich nicht weiß, wohin sie ausmünden sollte, wurde nicht vollendet. Mit Sicherheit sollten sich in ihr religiös-sittliche Elemente meines Vaters-Anarchisten erweisen, den mir der Tod noch früher weggenommen hatte, als die Sonne den achten Umlauf auf dem Zifferblatt meines Lebens beendigte.

    Ich erinnere mich gut daran, als ich aus der Schule heimkam, und ich die ernsten Mienen meiner Mutter und des ältesten Bruders antreffe, die mir sofort daran bekannt geben, daß ich keinen Vater mehr habe, weil er starb. Ich ahnte darin allerdings etwas fatales, aber mochte ich alles zu Ende erraten? Deshalb musste ich auf schweigsames Schicksal warten, dessen Abschäume aus dem bisher noch nicht leeren Gefäß der Zeit regnen. Und so ich, ein Kind, wurde gezerrt, an der Schürze meiner Mutti hängend, die keine Fähigkeit hatte, die Zügel des Familienschicksals in eigene Hände zu nehmen, als sie keinen Mann mehr hatte. Wirklich! In weniger als einem Jahr nach Vaters Tode bekam ich einen Stiefvater, von dem ich erfuhr, ich sei ein Flegel, der arbeiten könne und nicht in die Schule gehen müsse. - Das Schicksal erfüllte sich später.

    Nach den zweiten Ferien seit dem Beginn des Schulegehens hörte ich überhaupt auf, in die Schule zu gehen, damit ich anfangs in der Küche behilflich bin, während später ich als ein Hirt, Kutscher, Landwirtschaftsarbeiter arbeite, an den die gleichen Ansprüche gestellt werden wie an einen Erwachsenen. Dabei aber Elend, Hunger und Misshandlung.

    Wo sind die Zeiten, während denen ich spürte, daß mich jemand lieb hat, der jemand, der einst mein Vater war und der mir nun scheint als jemand irgendwo in einer für mich unzugänglichen Welt zu sein. Oftmals dachte ich, daß mich der Vater zur Welt nicht bringen sollte, wenn er mich nicht versorgen konnte. Denn bereits zu bald nach seinem Tode traf ich auf Lieblosigkeit, deren ersten Ausdruck ich in Äußerungen seiner Mutter, meiner Oma, sah, ich äße zu viel, denn ich hätte keinen Glauben und mich so „Herr Gott“ nicht sättige. Ich wusste ja mehr als zu gut, daß ich seit mehreren Monaten nur eine Antwort von meiner Mutter erhielt, wenn ich sie aufmerksam machte, daß ich Hunger hatte: „Ich habe dir nichts zu geben.“ Es war im Jahr 1916, als sich die Not ansagte, erst im Kreis, wo wir wohnten und wo die Industrie vor der Landwirtschaft bevorzugt wurde.

    Ja. Ich fühlte, daß mich mein Vater gern hatte und auch ich hing an ihm. Obwohl ich als ein kleiner Bube so empfindlich war, daß ich vor jedem schauderte, der von Charakter grob war und aufgrund dessen konnte ich gegen meinen Vater für seinen Atheismus eine Abneigung fühlen, doch war es nicht so. Sein Atheismus war, wie ich später erfuhr, ein Ergebnis eines groben Rationalismus, der sich durch große Intelligenz äußerte. Er sprach mehrere Sprachen, denn er bereiste das ganze Österreich-Ungarn und alle anliegenden Staaten, und seine Intellektfähigkeiten, die ihn von der Religion ablenkten, rissen ihn in politische Tätigkeit hin, wo er immer in vorderster Front stand. Er trank niemals alkoholische Getränke und bestand auf der Moral des Anarchisten, dem der Stern der Sozialrevolution schien, in der die Arbeiterschaft in die vordersten Reihen auf den Wegen der menschlichen Gesellschaft vorrücken sollte. Mit Rücksicht auf das war er ein Arbeiter von ganzem Herzen und Überzeugung und weil er ein intelligenter Mensch war, der sich der Politik widmete, führte er Streiks und kämpfte ständig für die Besserung der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft. Hiermit geriet er aber in unangenehme Situationen herein, die er durch unzählige Mal ausgedrückte Überzeugung überwand, daß er für bessere Lebensbedingungen der Kinder damaliger Eltern-Arbeiter kämpft. Er kam sogar so weit, daß er dramatisch der Funktion des Vorarbeiters entsagte, mit der ihn die Arbeitgeber in der politischen Aktivität stören wollten und zwar aus dem Antrieb seiner ehemaligen Mitarbeiter, die ihm ausstellten, daß er nicht mehr arbeitete, sondern nur einen Stock hatte.

    Er wahrte also die Arbeiterehre und für die war er bereit, sogar das Wohl seiner Familie zu opfern. Auf diesem Grunde lehnte er den Gedanken ab, ein beliebiges seiner Kinder studieren zu lassen; er wollte, daß sie alle Arbeiter würden, was er für eine Ehre hielt, welche für ihn den Wert erst in seiner Machtlosigkeit vor dem Tode verlor, als er erkannte, daß ihn die anderen Arbeiter nur so lange lieb hatten, als er für sie nützlich war als der vorderste Kämpfer für ihre wirtschaftlichen Interessen. So an seinem Lebensabend, als er einer langfristigen, hartnäckigen Krankheit verfiel, verspürte er eine Enttäuschung, die ihn vielleicht empfindsam vom Optimismus des politischen Aktivisten zurückzog, nie aber vom Atheismus, den er mit der Ansicht unterstützte, die Religion sei eine Erfindung vom Feudalismus oder Kapitalismus, der sich auf diese Weise die sozial schwachen Leute unterwerfen wolle.

    Als mir der Vater starb und in uns einen Vorgeschmack vom Atheismus hinterlies, kamen wir zuerst zu seiner Mutter, meiner Oma, die das vollkommene Vater Gegenstück darstellte. Die Kirche war für sie A und O ihrer Lebensauffassung. Das hätte für mich nichts bedeutet, müsste ich nicht in meinem Kopf den mordenden „Pfarrer“ mit Unerlässlichkeit des Glaubens an Gott vergleichen und das alles darüber hinaus empfohlen dem Kind von einem Mensch, der möchte, daß Gott die Kinder versorge, wogegen der Mensch selbst sich um sie nicht kümmern müsste. Das war sehr schwierig und bedeutete auch meinen ersten Geistkonflikt im Leben.

    Wir waren jedoch bei Oma nur kurze Zeit, ehe es der Kriegszeit gelang, unsere Möbel aus Nordwestböhmen nach Ostböhmen zu uns zuzustellen. Nur daß nicht einmal hiermit alles gelöst wurde. Mutter war wahnsinnig vor Angst davor, daß sie selbst den Lebenslauf der Familie – einer Witwe mit zwei Kindern – lenken musste. Sie verfiel damals der Hoffnungslosigkeit und brachte uns einen Stiefvater, der alles andere war, als eben eine Stütze der Familie.

    „Hau´ den Buben, er räumt ja nicht ab, heizt nicht an und bereitet nichts zum Kochen vor.“ Der Bube war damals aber jünger als neun Jahre und hatte viel zu tun. Und schließlich hatte er so eine Natur, daß mit dem Prügel nicht viel verbessert wurde. Darum lief er weg in die Wiesen, schwänzte die Schule, verschlief die Nächte unter dem dunklen Himmel in finsteren stillen Winkeln der Stadthäuser und lebte wie ein aufgescheuchter Hase in Angst vor den Leuten und den Schicksalsschwierigkeiten. Und du, Mutter, hättest du gewusst, in welcher Geistzerrüttung sich deine Kinder befanden, hättest du deinen Schritt in die neue Ehe nicht damit begründet, „der Bube erzürne und du müsstest ihm darum eine straffe Hand besorgen. Ein Bube, so formbar wie deiner, ist durch richtige Behandlung zu meistern, um so eher, weil er nicht einmal neun Jahre alt ist.

    „Sie will einen Mann haben,“ erfuhr ich. Aus Erfahrung erkannte ich jedoch, daß bei uns das Leben auf dem Sozialboden begann. Und ich wurde damit modelliert...

    Übrigens war es zu ahnen, daß es bei uns zum Sozialniedergang käme, solange die Familienstütze, nämlich der Vater, fortmüsste. Die charakteristische Eigenschaft meiner Mutter war nämlich das absolute Vertrauen in jedermanns Gute und ihre Neige, alles zu verschenken. Sie war nie so „klug“, jemanden zu verdächtigen, der es arg mit ihr meinte, und ich erinnere mich sehr gut, daß sie sofort jedem Menschen gab, was ihm gefiel und was er lobte. So verschenkte sie ihr Kleid und verschiedene, auch wertvolle Kleinigkeiten, die ihrer Meinung nach den Leuten gefielen und sie verspürte die Befriedigung davon, daß sie jemandem Freude bereiten konnte.

    Aufgrund ihrer Zutraulichkeit nährte sie jahrelang meinen Stiefvater, denn er versprach ihr immer wieder, „er erhielte große Erwerbe, die unsere Not zum Wohlstand umwandeln.“ Eben dieses Vertrauen zu den Leuten war sogar für mich unbegreiflich, aber Mutter antwortete auf meine Einwände immer: „...der Mensch sagte es mir ja.“ Ich ersah darin – als ich schon die Mystik verstand – den Glauben der Bhuten, nämlich der Irrgeister, eine gewisse Strafe für irgendeines Verschulden in vergangenen Existenzen. Es scheint aber, dieser ihre Glaube ohne Vorbehalt, ein Wunder verursacht zu haben, denn nach ihrem Tode verschwand sie im Blaue des himmlischen Dhyana-Buddhas der Mitte.

    Aber mein Kindesschicksal schritt in damaligen Bedingungen weiter fort. Ich war schon überzeugt, daß es in der Welt kein einziges Kind gibt, dem es schlimmer erging als mir. Und nicht, daß ich das nur vermutete, sondern ich schloss es aus der Wirklichkeit. Wenn andere Kinder spielten und vergnügt waren, dann konnte ich nicht, denn es sauste mir im Kopf: „Das musst du ausmachen, oder ich werde dich durchprügeln!“ Und so ging ich von einer Aufgabe zur anderen. Dabei spürte ich den Drang der Not, die an uns aus allen Ecken klaffte. Unaufhörlich aufgemuntert, entschloss ich mich endlich – zu betteln.

    Ich beging Dörfer von Tür zu Tür und bat um ein Stück Brot oder etwas anderes. Und meine Erfolge wurden zu Hause im guten Sinne gewürdigt. Ich wurde doch ein gültiges Mitglied des Haushalts.“

    Mich, jedoch, bedrückte dieser Beruf untragbar. Wohl darum, weil ich im elenden Rock den Geist meiner eigenen vergangenen Inkarnationen trug, wovon ich damals aber nichts wusste, was sich aber bei mir gewisse Weise äußerte. Und so fühlte ich mich wirklich erst freier, als ich fast zehn Jahre alt war. In der Zeit arbeitete ich schon auf dem Feld und verdiente als ein gleichwertiges Familienmitglied. Meine Mutter und natürlich auch der Stiefvater mussten mein Alter geheim halten und sagen, ich sei mehr als vierzehn, wozu ihnen der Wohnortswechsel und meine physische Reife nützlich waren. Aber das Schicksal war ihnen nicht ganz hold. Nach zwei Jahren meiner besonderen Schulferien besuchte uns mein ältester Bruder und beendigte die Idylle des erwerbstätigen Kindes.

    „Der Bube muss in die Schule,“ droht er. Davor erschraken sie und schickten mich daher nach zwei Jahren erneut in die Schule. Ich war beinahe zwölf Jahre alt und hatte nur zwei Jahre der Schulpflicht hinter mir gehabt und aus dem zweiten Jahrgang dazu noch unzählige Male versäumt.

    In der Schule gaben sie an, ich solle in die dritte Klase gehen. Der Lehrer und der Schulleiter waren jedoch verlegen. Ich brachte eine Summe von zwei Zahlen bis zehn nur mühsam zusammen. Aber dann entschlossen sie, mich doch nur in der dritten Klasse zu lassen.

    Was mich bei meinem erneuten Schulbetreten wirklich am meisten bedrückte war unendliche Unsicherheit, Scham und Depression. Ich gewöhnte der menschlichen Gesellschaft ab, schauderte vor jedem fremden Menschen, verlor die Sprache vor ihm und stotterte unmöglich. Dabei hatte ich den Eindruck, daß mich in der Schule alle Kinder verächtlich anschauen, mit Überzeugung, ich sei so dumm wie kein anderer.

    Später gewöhnte ich mich an meine Mitschüler und holte das Versäumte nach. Ich fühlte sogar, daß ich in eine höhere Klasse gehen könnte. Dies nützte ich in folgendem Jahre aus, als wir den Aufenthalt wechselten und ich mich meldete, ohne Zeugnisse vorzulegen, in den fünften Jahrgang.

    Mein ältester Bruder war jedoch seit 1916 bisher beim Militär gewesen und so suchten wir Wege, wie ich die Schule soviel wie möglich versäumen könnte. Die Vorwürfe, daß ich die Familie arm fresse, schossen immer wieder und überdies wohnten wir in unvorstellbarem Elend. Deshalb rettete ich die Familie im nachfolgenden Schuljahre mit Erzeugung der Babuschen, die meine Mutter vom Haus zum Haus verkaufte. Infolge dessen begann ich die Schule erst im Frühling zu besuchen; über den Sommer und im Herbst arbeitete ich auf dem Feld für Lohn und im Winter kam ich zur Babuschenerzeugung zurück, so daß ich nur formal in die Schule ging.

    Was meine Körperkonstitution betrifft, plagte mich lange Zeit Unterernährung. Infolge dieser litt ich drei Jahre lang an die Abendblindheit und mein Körper war ständig so ermüdet, daß ich wie der Golem ging, holperig und schlaff. Ich bekam dabei einen gewissen menschlichen Verstand und fing an, um meine Zukunft Angst zu haben. Ich begann die schwierige Arbeit zu fürchten, die mich anscheinend vernichten würde. Was werde ich also tun? Es war im Jahr 1922, seit Weihnachten 1921 war ich nicht mehr in die Schule gegangen, weil ich im Februar schon vierzehn Jahre werden sollte. An den Herbst 1921 hatte ich Erinnerungen, als ob ich von der mühsamen landwirtschaftlichen Arbeit bei der Ernte der Zuckerrübe zusammenbrechen sollte, und so wusste ich mir mit meiner Existenz nicht zu helfen.

    Der Weg, der mir für die Zukunft freigemacht wurde, kam nicht von meinem Willen und Wunsch heraus. Der Frühling 1922 kam, und so wurde es selbstverständlich angenommen, daß ich als ein Hilfsarbeiter auf die Baustellen arbeiten ging. Übrigens hatte ich keine anderen Aussichten. Ich hatte viereinhalb Jahre der Schulpflicht hinter mir gehabt, wobei ich davon vielleicht mehr als ein Jahr versäumt hatte, so hatte ich nur Recht ein Taglöhner zu sein.

    Also trug ich auf den Baustellen volle Wasserbutten bis ich zusammenbrach. Ich schleppte mich vom Haus zur Arbeit und aus der Arbeit nach Hause. Trockenes Brot, mein Organismus eben in Entwicklung, unerträgliches Bedrängnis der Schicksalsschwierigkeiten und endlose Scham vor den Leuten brachten dem Körper nichts stärkendes, als er soviel von der mühsamen physischen Arbeit belastet wurde. Und das Familienleben bedrängte so unerträglich, daß ich mich entschied: Ich flüchte aus dem Hause.

    Es war der Sommer 1922. Ich gab acht, bis alle Leute aus dem Hause weg waren und gab dabei vor, daß ich schlafe. Endlich. Alle waren weg.

    Ich sprang aus dem Bett, packte schnell meine Sachen zusammen, deren ich sehr wenig hatte und vielleicht in zwanzig Minuten nahm ich Reißaus aus dem Haus, um einen Zug zu erreichen, der mich mehr als ein hundert Kilometer weg von der Heimat brachte, ins deutsche Kreis, Gablonz.

    Alles war gut gegangen, konnte es in meiner Situation glücklich gehen. Ich fand erneut eine Arbeit auf dem Bau, eine Unterkunft bei fremden Leuten und lebte auf eigene Faust. Das Heim fehlte mir nur als eine Umgebung, wo ich mir sagen könnte, daß ich zu Hause bin. Sonst war es mir lieber aus dem Hause weg zu sein.

    Die Lebensweise, die ich damals führte, prägte jedoch tief in mein Wesen eine Erfahrung ein, daß es keine Nächstenliebe gibt. Kannst du arbeiten und hast du eine Arbeit, so hast du da ein paar Kronen und sonst kannst du meinetwegen an deinem vom Konflikt zwischen deinem Gefühlsleben und dem wirklichen Leben herkommenden Leiden zugrunde gehen. Das erkannte ich überall. Ich war ja unter den Leuten, die ihre physische Kraft für etwas Kronen verkauften, soviel Kraft, daß sie ein Recht hätten, sich guten Lebensunterhalt zu verdienen, aber sie erhielten nur Spülwasser wie das Hausvieh. Dabei lies die Welt den Leuten eine Möglichkeit nur daran zu denken, daß wenn sie machtlos werden, sie noch weniger bekommen, wenn überhaupt etwas.

    Und diese Leute, die mit eigenen Händen die sichtbaren Merkmale der technischen Entwicklung der Menschheit bilden, lebten als jemand, von dem die Welt denkt, sie wüsste sich auch ohne sie gut zu helfen und man könnte daher an der Not zugrunde gehen. Nimmst du nicht an, oh Welt, daß du diese Leute ständig misshandelst?

    In der Zeit gab es noch keine Arbeitspensionsversicherung, so daß es vorkam, daß der Mensch, der arbeitsunfähig wurde, es versuchen musste, nur von der anderen Leute Gnade als ein Bettler zu leben. Als diese Versicherung einige Jahre später ins Werk gesetzt wurde, sah ich darin nichts Gutes. Und tatsächlich. Ein großer Gesundheitsapparat entstand und es wurden Revisionsärzte bestimmt, deren Aufgabe es war, die Arbeiter arbeitsfähig zu befinden, auch wenn sie sich unwohl fühlten.

    Diese Situation wird bis heute schlechter. Jetzt ist niemand mehr berechtigt, sich krank zu fühlen, falls ihn die Gesundheitskommission nicht arbeitsunfähig befindet. Dies ist ein Ergebnis der gezwungenen Gesundheitsversicherung, über deren Geld entweder die Behörden oder der Staat disponiert. In diesem Falle können die Leute zahlen, wogegen der Staat, bzw. der Gesundheitsapparat das Geld abschöpfen kann. Und sind die alten Leute heutzutage nicht so ganz auf die Gnade fremder Leute angewiesen, doch gibt ihnen wieder die Pension, in der sie lebenslang soviel investiert hatten, nur sehr kargen Lebensunterhalt.

    Aber nichts zu verwundern. Wir leben in der Welt, die nur daran denkt, ein Übermaß Mordmittel zu besitzen, deren Produktion immer kostspieliger wird. In unserem Staat sind die Verhältnisse so weit gediehen, daß die Leute lediglich für Essen arbeiten müssen - falls sie keine fanatisierten Regime-Unterstützer sind - und alles übrige geht für Eroberungskampf und Mordmittel drauf. So geht die Sklaverei der meisten Leute weiter, obwohl sich zu den ehemaligen Sklaven, mit Ausnahme einiger fanatischen Ausgewählten, noch weitere beigestellt hatten, die früher gut situierte und unabhängige Staatsbürger gewesen waren. Und Leute - vielleicht noch ausreichende Menge - loben jetzige Verhältnisse, weil sie es nicht zu Ende denken können, daß bloß das Rüsten ihnen die Scheibe Brot gab, die der Frieden - weil er nicht vernünftig war - nicht zu geben wusste...

    Das fühlte ich, so wurde ich geistig modelliert und litt unsäglich. Und das schlimmste dabei war, daß auch die Leute, so schlimm vom Schicksal oder von der Welt betroffen, wussten in mir einen unvergleichlichen Dummkopf und armen Schlucker zu sehen, der kein Mitleid verdient, sondern nur einen Spitznamen - Trottel.

    Es war aber gut. Mein Leben war nur deswegen so schlimm, weil in ihm Unverdienste aus der Entflammung eines Kämpfers mit Adelsfühlen verbunden wurden. Und das ist wahrhaftig eine untragbare Kombination. Man erträgt schwer seine Not, er hat in sich etwas, womit er die anderen überwiegt, begnügt sich nicht mit einer durch seelische Starre bezahlten Scheibe Brot - und da habt ihr, Soziologen, die Entstehung neuzeitlicher Diktatoren.

    Mein Leben wickelte sich Gott sei Dank anders ab, als das Leben eines Tapezierers und eines nicht ausstudierten Popen. Ich wollte nämlich nicht hervorragen, wobei ich an Rücken anderer Leute klettern würde, ihre Hälse bräche und mit reinem Gewissen sie umbrächte im Bestreben, die Macht zu erreichen. Ich war doch damals gebrandmarkt vom Gekreuzigten und hatte darum keine Ambitionen, die andere Leute bezahlen müssten, mit dem Gefühl, daß ihnen ein Unrecht angetan wurde. Übrigens wurde mein Gesichtsinn in andere Richtung gelenkt, trotzdem ich dies bisher nicht ahnte. Möglich trug ich in mir ein Zeichen aus der lebhaften Erscheinung in meiner Kindheit, die gewisse Weise vielleicht ungewöhnlich war.

    Ich war etwa fünf Jahre alt. Ich lag im Bett und wurde mit Klängen der singenden Töpfe auf dem heißen Küchenherd erweckt. Es mag vier Uhr früh gewesen sein. Die Mutter kämmte sich, sitzend auf dem Hocker und der Vater sollte bald aufstehen, denn es war ein Werktag und er ging zur Arbeit ab sechs Uhr, wobei auf ihn, wie Mutter sagte, eine mindestens einstündige Reise wartete.

    Ich war leise und schaute zur Zimmerdecke hinauf. Überraschend gab es dort einen Mann. Ein lebendiger Mann, der in der Luft, dicht an der Decke schwamm. Plötzlich wandte er seine Augen zu mir herunter, als ich ihn sorgfältig beobachtete, wobei ich nicht einmal muckte. Er lenkte seine Aufmerksamkeit auf mich und auf einmal begann er zu mir herabzuschweben.

    Das war mir wirklich stark. Ich sprang aus dem Bett, verbarg mein Gesicht im meiner Mutter Schoß und erklärte angeblich: "Dort ist ein Teufel." Dabei weiß ich bis heute, daß ich ihn für einen "silbernen Schornsteinfeger" hielt und so zensierte ich wohl die Nachricht für Mutter.

    Mutter tröstete mich: "Da gibt´s nichts." Darum machte ich mir in einer Weile Mut. Ich erhob den Kopf hinauf, aber sah, daß der "silberne Schornsteinfeger" bei mir steht, und daß er mir irgendein Kästchen anbietet. Ich hatte jedoch immer noch Furcht, so verbarg ich erneut mein Gesicht in den Schoß der Mutter... Als ich später hinschaute, sah ich nichts mehr.

    Die Erscheinung war unmöglich abzuklären, und was Vater mit Mutter sagten, weiß ich nicht. Vater war ein Anarchist und hätte sich gewiss die ganze Begebenheit "erklärt". Und was mich betrifft, kann ich bisher nicht sagen, daß ich eine Spur gemerkt hatte, die in mir diese Erscheinung zurückgelassen hätte. Geistig war ich nach wie vor normal, nur meine Sehkraft wurde wohl irgendwie aufgereizt. Das kann ich heute beurteilen, wo ich mich erinnere, wie jedes Blatt, ganze Erde, alles, was mich umgab, für mich lebendig wurde. Und dann, als mich das Schicksal am Rücken peitschte, wie ein wütender Kutscher dem übermütigen Pferd, fand ich plötzlich die Rettung in einem fast verrückten Gebet, in dem ich lediglich diese Worte halten konnte: "Herrgott, erhöre mich."

    Ich betete mit diesen Worten ständig, vielleicht ein halbes Jahr, möglicherweise viel länger. Und es ist ganz möglich, daß ich auf diese Weise den Trost in Visionen der Nixen erreichte. Es war aber, wohlbemerkt, nichts plötzliches, überraschendes oder begleitet mit Gedankenentzückung. Ich ging nur zu einem Bächlein, das aus einem kleinen Teich ausfloss. Der Teich war gut zu sehen. Plötzlich, was soll das? Ich sehe undeutliche Umrisse, die erhellt wurden und deutlichere Formen einnahmen. Und der Wasserspiegel im Tauch staute sich in meiner Vision wie lebendig, obwohl ich auch gut sah, daß er ruhig steht. Aber da sehe ich sie schon. Die Nixen tanzen auf der Wasserfläche, bis ihre leichten, musselinartigen Kleider breit flattern. Und sie tanzen an mir vorbei auf dem Grabenwasser, wobei sie mich gut sehen können. Sie wandten ihre Gesichter zu mir und lächelten, als ich spontan meine Füße abzog, damit sie nicht stolpern. Und in meiner Brust entstand ein Glücksgefühl, das die von äußerem Leben bescherten Wunden heilte...

    Ich pflegte also beim Teich zu sitzen, fast immer, als es schönes Wetter war und schaute das angenehme und aufmunternde Theater an. Auf dem Wasserspiegel sah ich Ausbauchungen, groß wie ein halbes Ei, sich zu bilden. Diese barsten dann und aus denen tauchten wütend schauende Männlein auf. Ihre Bosheit wurde gegen die tanzenden Fräulein gerichtet aber es schien, daß die "wütenden Männlein" nichts anderes tun konnten als was sie taten. Sie warfen oft ihre Körper gegen die Wasserfläche, verschwanden dort - und die Nixen tanzten immer weiter.

    Damals war ich dreizehn Jahre alt. Dann kam der Winter, wo ich zum Schuster-Babuschenmacher wurde. Später flüchtete ich aus dem Heim, so daß schon in Erinnerungen ein kleines, tröstendes Gefühl auftauchte, der die zerreißenden Schmerzen übertönte, die aus dem Außenleben stammten.

    Endlich verdrängten Kummer und Sorgen auch den Einfluss dieser anregenden, nicht allzu häufigen Erinnerungen und durch den Kontakt mit Leben wuchs in mir eine Überzeugung, daß das Leben ein unbarmherziger, grimmiger, niemanden schonender Kampf ist. Ich verspürte das bei mir vielleicht insbesondere deshalb, weil ich jedem, sogar einem nahen Menschen so fremd war. Dabei kam es mir vor, daß die gesamte Lebenskonkurrenz sich nur durch das Motto "es wird sich zeigen, wer die Oberhand behält" ausgezeichnet wird und so begann ich in diese Richtung zu schauen.

    Vorerst muss ich mir den Charakter verderben, erwäge ich. Ich muss die Gesellschaft der Leute heraussuchen, die niemanden schonen würden und von den Leuten lernen, durch unterschiedliche Lebenssituationen zu rennen. - Dieser mein Plan kam jedoch nie zustande, denn das Schicksal schritt noch schneller fort als ich.

    Der Winter war näher, auf Baustellen den hörte man auf zu arbeiten und mir blieb nichts übrig als zu überlegen, was weiter. Ich war in einer fremden Stadt unter beinahe lauter Deutschen und der Winter wäre hier schwer zu überstehen.

    Ich kam also zurück in den Kreis zum Bruder und zwar nicht weit vom Wohnort meiner Mutter. Vom Bruder erfuhr ich, "es gehe mit mir wirklich nicht so"; etwas muss passieren. Zum Schluss verkündete er: "Du wirst in die Lehre gehen."

    Freilich ginge ich gerne, Schusterhandwerk lernen, wovon ich viel gekonnt hatte. Mein Bruder sah darin jedoch keine gute Existenz. "Du lernst so ein Handwerk, wo du dich anessen kannst," schloss und entschied er.

    Ein schreckliches Verdikt. Ich würde eine solche Lehre brauchen, wo ich Initiative entfalten könnte, aber was ist mit einer Lehre, die ein problematisches "Anessen" verspricht? Ich war verzweifelt. Es war gar nicht davon zu denken, vom Bruder zu verlangen, daß er mich bis in den Frühling bei sich lässt, als ich wieder auf den Bau weggehe, wenn ich schon nicht lernen kann, was ich möchte. Und dieses Bewusstsein empörte mich. Ich ging also in die Lehre, wo ich die Gelegenheit hatte, mich anzuessen, obwohl ich danach nicht trachtete.

    In dieser Lage der Dinge vermutete ich die allerletzte Stütze verloren zu haben. Ich sollte nachts arbeiten, ohne Aussicht, mich mal selbstständig machen zu können und ich verlor auch die Hoffnung, einen Platz zu erringen, wo ich eine eventuelle Krankheit überstehen könnte.

    Die Gesundheit war bei mir ziemlich fest, trotz meiner Gefühle, ständig bis zum Tode erschöpft zu sein. Dabei fiel es mir auf die Seele, daß ich manuell arbeiten sollte, also kein Bedürfnis der Initiative und Entfaltung der Geistfähigkeiten. Also befürchtete ich völlig, daß ich den Leuten ähnlich würde, die durch die einförmige und schwierige Arbeit seelisch gleichgültig wurden oder sogar starben, so daß sie mir vorkamen, nur durch ein paar Dränge belebt zu sein. Das war für mich so furchtbar, daß es mir schien, mein Leben für alle Zeiten verloren zu haben. Und so verfiel ich einer Hoffnungslosigkeit, die meiner Meinung nach nie mehr ein Ende haben konnte.

    Also dachte ich wieder an die sittlich verdorbene Gesellschaft, der ich gleichstehen möchte. Ich dachte an die Prostituierten, unerträgliche Gestank der Kneipen, an die Revolte gegen jede Gesellschaftsordnung. Und das Schicksal wachte inzwischen...

    Ich lernte nämlich einen jungen Mann kennen, der sechs Jahre älter war. Er war der erste Mann aus einer armen Familie, der meiner Meinung nach einige Ideale hatte. Er sagte mir, der Mensch solle sittlich und ehrenhaft sein und er solle sich ständig bemühen, besser zu werden. Und dies - war ganz neue Musik für meine Ohren.

    Also, doch? Ich bin nicht alleine mit Idealen, es gibt auch jemanden, dem auch sehr an dem Guten und der Sittlichkeit liegt? Eher wäre ich nicht erstaunt, jemanden aus Himmel herabschneien zu sehen, als auf so was zu treffen. Daraus ergab sich meine Entscheidung: Sollte die Sittlichkeit einen Wert haben, wenn auch für einen einzigen Mann, den ich in meinem Leben traf, werde ich also diesen Weg wählen.

    Für mich war das alles jedoch zu wenig. In meiner Brust entlud sich ein Sturm der Unzufriedenheit, die durch eine Feststellung gestärkt wurde, daß die Werte, die mein Innere siegelten, nur menschliche Werte darstellen und daher wollte ich dies alles sofort gewinnen. Aber so schnell geht das doch nicht immer. Ich musste Voraussetzungen suchen und bilden, Nicht einmal dies war so einfach.

    Nach einiger Zeit fiel mein Freund in mein Leben mit einem belehrenden Buch. - - - Es war ein Buch über Joga mit Rücksicht auf den Körperkult. Aber am Schluss des Buches waren Erwähnungen vom geistlichen Leben. - Ein blendender Blitz traf mein Bewusstsein. "Dies ist das, was ich immer suchte und suche. Darum werde ich mich bemühen." - - - Aber auch das kam mir ungenügend vor. So suchte ich weiter...

    Das zweite Buch fand ich schon selber. Die Versprechen waren noch glänzender. Aber auch Pflichten. Ich stellte mich also auf die Probe angesichts dieser Obliegenheiten. Die bedeuteten eine Trennung von meiner sämtlichen damaligen Lebensweise. Ich überlegte, ob ich in der Lage wäre, diese Trennung zu verwirklichen. Ich beobachtete mich vierzehn Tage. Danach schloss ich, daß es vielleicht möglich sein könnte. Aufgrund dessen entschied ich mich: Ich fange morgen an, indem ich der Welt im Sinn, Verstand und Bewusstsein entsage. Dabei sicherte ich mich: Oh, Gott, du, den mein Vater aus mir entreißen wollte, ich werde mein möglichstes tun; was ich nicht imstande bin, wirst du mir verzeihen müssen...

    Wie seltsam ist die Welt! Von Kindheit an war ich unter den Leuten, die keine anderen Interessen hatten, als jemanden oder etwas auszunützen und das brachte mich zum Glauben, daß es keine anderen Leute gibt. Dadurch gelangte ich zur Überzeugung, daß die Welt, in der ich mich genötigt zu leben sehe, schrecklich und in jeder Hinsicht feindlich ist. Und das schlimmste dabei war, daß ich diese Überzeugung nicht einmal heute loswerden kann. Obwohl ich gut weiß, daß die Leute von Rauflust hingerissen sind, die mit Gefühlen anderer Leute nicht spart und in deren Bann sowohl die ärmsten als auch die wohlhabenden Leute stehen, diejenige, die in wirtschaftlichem Sinne etwas unterhalten, auch wenn ich gut weiß, daß alle diese Leute auf diese oder jene Art leiden, doch weiß ich auch, daß sie diese Rauflust lieben. Übrigens bestimme ich dies als eine typische Krankheit der Welt und vermute, daß ohne diese Rauflust die Welt ein Paradies wäre. Und tragisch-komisch erscheint auch das, daß jedes selbst rauflustige Individuum vor der Rauflust anderer Leute geschützt werden möchte. Daraus geht hervor, daß es um ein Sittenhindernis geht, das schicksalskummerbildender Faktor das primäre Symptom darstellt – und obgleich „nur“ um ein moralisches Hindernis geht, dennoch beseitigen es die Leute am schwierigsten, falls sie es überhaupt probieren zu beseitigen, viel schwieriger als die oberflächlichen Missstände, die sie mit Maschinengewehren abschaffen wollen.

    Die gesellschaftlichen und sozialen Leiden stecken mit ihren Wurzeln in Hindernissen der Sitten; das weiß ich schon mit Sicherheit. Ich weiß, daß niemand einen anderen ermordet oder beraubt, wenn er solche Gedanken nicht hegt. Aber solche Gedanken nicht zu haben, scheint eine Forderung zu sein, die in schroffem Widerspruch mit normalen Tendenzen der menschlichen Natur stehen. Dadurch wird die Gedankenreinheit eine sittliche Aufgabe, so daß das Gegenteil dessen nicht nur für schlechten Charakter gehalten werden kann, der wie ein giftiges Kraut unter guten Charakteren üppig wächst.

    Die so genannten schlechten Charaktere können sich ja auf die allgemeine Meinung über die Moral stützen, auf das Beispiel der Welt, und darum geht es hier um eine universale Moralkrankheit, an der die ganze Menschheit leidet. Strikt genommen, gibt es ja ungewöhnlich wenig Leute, die mit der menschlichen Gesellschaft keinen Krieg für ihre persönlichen Vorteile führen würden und damit sie die Bedingungen für den Fall der weniger fähigen Leute schaffen. Es ist ein Mord, den die Leute an sozial schwächeren Individuen begehen, oftmals nur aus besseren Schicksalspositionen, oder deutlicher gesagt, aus Wirtschaftspositionen. Ich habe darüber Beweise aus dem eigenen Leben. Während ich mich mittels Joga auf der geistlichen Seite über viele Leute entwickelte, die ein relatives Übermaß hatten, doch war ich „offiziell“ ein unfähiger Mensch. Heutzutage kann ich aber nicht behaupten, daß es mir Probleme bringt. Ich gewann den Preis auf einem anderen Wege, den Preis, für den mein Leben mit endloser Erkenntnis bestrahlt ist, die endgültig alle so häufig in Leben aller Leute erscheinenden „WARUM“ liquidierte.

    In jedem Falle hatte ich bis zu dieser Zeit eine Epoche eines unwissenden Menschen durchgelebt, der durch die Verhältnisse gedrängt wurde und der unter dem Druck des Karmas eine Linderung, ein Glück oder eine Befreiung suchte. Ich wusste nicht, daß Glück und Freiheit die innerlichen Angelegenheiten des Menschen darstellen und deshalb litt ich ebenso wie die Leute, die in ihrem ganzen Leben nicht erwachen. Und sollte ich in der Zukunft die Lebensgeheimnisse im Sinne der das Leben begleitenden Schwierigkeiten auflösen, dann war es darin sicherlich das Karma, das mir ermöglichte, das Vertrauen zu gewinnen und später die Lehre zu begreifen, über die ich weiß, daß sie für die Weltleute hinsichtlich des Zweckes durchaus fremd ist. Diesbezüglich war mein Leben reich an Verdienste und an dieser Tatsache änderten die schwierigen Bedingungen der Zukunft nichts, die sich nur als ein Glühprozess erwiesen. Mit diesem Glühen werden alle Schlacken und Unreinheiten des hochwertigen Goldes der Erkenntnis ausgebrannt, die in sich alle erforderlichen positiven Merkmale trug. Und so kann ich in der Zukunft, nämlich in der Zeit, die mit diesem Augenblick meines Lebens anfing, das schwere Schicksal nicht im inneren, sondern nur im äußeren Sinne beklagen. Und das ist eine gute Versprechung in Anbetracht des karmischen Ausweges aus dem Leben, der die Qualität des Karmas zeigt, welches die Lebewesen bis über das Grab begleitet.