Mitteilung
Kvetoslav Minarik

    Es gibt eine allgemeine Meinung, daß wenn in der Welt ein Buddha erscheine, ein Mann vollkommen erleuchtet infolge seiner Einstellung zu dem, was wir Gott nennen, wegen richtiger Versenkung des Sinnes und Bewußtseins bis zum Grund eigenen Wesens in seiner Funktionsauffassung, und dank der Vernichtung unerwünschter Individualität, nimmt er immer die Aufgabe des Gurus, der nach der Hinterlassung der von ihm selbst wiederentdeckten [mystischen] Lehre strebt, um diese zu hinterlassen für die, die hier nach ihm bleiben. An diesem Gesetze hielt ich mich auch. Schon von allem Anfang meines Erwachens arbeitete ich daran, die ihre Verinnerlichung suchenden Menschen auf diesen Weg einzuführen, sowohl zugunsten ihrer als auch zugute anderer Leute.

    Die heutige Situation ist jedoch nicht gleich wie in der Zeit von Buddha Gautama. Damals gab es nicht so viele Gelegenheiten die von der Welt entflammten Sinneslüste zu entladen, und es gab auch mehr Leute auf dem Weg der Verinnerlichung, der Mystik. Es existierte hier nicht so viel Oberflächlichkeit und Bildsamkeit der Seelen, die der Welt so unterlagen, wie es heute der Fall ist. Deswegen war auch die Aufgabe des Buddhas nicht so schwierig. Ich war jedoch aus dieser heutigen Welt und daher verstand sehr gut die Probleme der Leute. Mit Rücksicht darauf erzog ich nur sehr vorsichtig diejenigen, die sich an mich mit der Bitte wandten, auf dem mystischen Weg geführt zu werden. Ich war mir immer sehr gut bewusst, daß die Einweihung nie bemakelt sein darf, weil die nach Einweihung strebende Person sich die Persönlichkeit behält, die im Grunde immer selbstsüchtig ist. Dementsprechend verfuhr ich auch mit jedem Suchenden.

    Ehe ich hier mystisch tätig war, war hier (als Propagator mystischer Lehren) der Schriftsteller Karel Weinfurter. Er predigte allerdings entstellte Lehre, aus der es folgte, man müsse sich selbst sittlich nicht umbilden und dennoch werde er infolge der von Weinfurter empfohlenen Übungen mit der Macht der Eingeweihten beschenkt sein. Diese Lehre fasste ihre Wurzel im Sinn von jedem, der auf dem Weg der Mystik auch noch bislang sucht. Deswegen musste ich jener Mystik Zugeständnisse machen, d. h., die unerläßliche sittliche Disziplin nicht fordern, eine Sittlichkeit, die eine Rettung für alle darstellt. Gewöhnlich, je nach den gegebenen Voraussetzungen, war ich bereit, jeden bis zur Schwelle der Einweihung kommen zu lassen, damit er das kosten konnte, worauf er hinzielte. Anschließend verlangte ich erneut die Entwicklung der sittlichen Werte, die sich immer in Vernichtung seiner Individualität, Selbstsucht, manifestieren sollten.

    Diese meine Forderung führte sehr oft zum Bruch mit den Suchenden, die sich zwar von mir Ratschläge geben ließen, erfüllten jedoch ihre sittlichen Pflichten nicht. Dennoch waren die Ergebnisse meiner Tätigkeit nicht nur ganz negativ. Es gab auch solche, die zu tieferen Momenten der Erleuchtung gelangten, Individuen, die auch die beseligenden Erlebnisse der Eingeweihten erleben. Jene Menschen sollten meines Erachtens "vollenden", um dem Einweihungsgesetz gerecht genüge zu tun, was bedeutet, daß die Lehre in ihnen zum Guten aller erhalten bliebe. Nur daß ich bei einem von denen nicht genügend entwickelten Intellekt fand, bei anderem Spuren des Egoismus, die imstande waren sich zu entfalten, und bei dem dritten gab es schon unpassendes Alter; das alles waren Zeichen ihrer anstößigen Bemühungen.

    Mit mystischer Erkennung und dem Alter war von diesen Menschen der best geeignete für die Bewahrung der Lehre R. Mit ihm rechnete ich als mit dem Erbfolger der Lehre. Deshalb sah ich mich gezwungen, seine Einweihung zu vollenden durch seine Einführung in bürgerlich tadelloses Leben und einwandfreie Einstellung, denn eben mangelhaftes bürgerliches Verhalten was seine Moralunzulänglichkeit.

    Als er, aufgrund meiner Zugeständnisse der Irrelehre von Weinfurter und dank seinen eigenen Fähigkeiten, bis dahin durchgedrungen war, wo man imstande ist, neue Dimensionen des All-Lebens zu entdecken, habe ich ihn auf diesem Weg angehalten, um ihn in die richtigen gesellschaftlichen Beziehungen eines Eingeweihten einzuführen. Aber wie bei jedem anderen, auch bei ihm, wurde die ständig unterdrückte, dennoch nicht ganz vernichtete, elementare Individualität wurde bei ihm wieder stark lebendig. Ich wollte alles umgehen und ihm helfen, aber er identifizierte sich leider mehr und mehr mit dieser, eigentlich schon verhallenden, Persönlichkeit. Daraus ergaben sich dramatische Momente in unseren gegenseitigen Beziehungen. Und als er bewiesen hat, er wolle auf seine generisch gekittete Persönlichkeit nicht verzichten, kam es zwischen uns zur Trennung.

    Dieses Auseinandergehen hat mich sehr stark beeinflußt. Nun ist es mir klar, daß man mit den Mitgliedern dieser oberflächlich gewordenen Generation nichts tun kann, und deshalb nunmehr, mit meinen 64 Jahren, trete ich von der Bühne eines Gurus ab, der die anderen zur buddhischen Erleuchtung, und auch zur segensvollen Aufgabe der Träger der Lehre zu führen weiß.

    Ich beschwöre mich nicht über mich selbst! Ich beklage mich über die vernichtende Oberflächlichkeit heutiger Leute, die bereits für heilig nur ihre fleischlichen Lüste halten, die nicht gedrosselt werden – ja, vielleicht nur von Polizei. Diese Generation, repräsentiert durch R., schlägt daher die Lehre, die Selbstbeherrschung fordert, obgleich sie zu ihrem Wohl wäre, ab. Daher mein Abtritt.

    Ich kehre zurück zur Arbeit in der Zurückgezogenheit, wo ein Mann gefühlvollen Herzens die Aufgabe der Eingeweihten annehmen kann, allerdings nur für sich und auf seine Verantwortung. Ich hoffe, jeder werde meine Schritte gut verstehen.

    Erklärung zur Mitteilung

    Warum die "Mitteilung"? - Ich fühle mich absolut verpflichtet das mitzuteilen, was ich als heilsame Lehre kennengelernt habe. Diese Verpflichtung wird allerdings anfänglich, wenn jemand die Erleuchtung erreicht, gehemmt mit unzulänglich entwickelter Fähigkeit sich richtig auszudrücken und somit die Lehre zu erläutern, falls der Erleuchtete nicht ausgebildet ist und deshalb keine Möglichkeit hat sich mit anderen auf der Ebene von zumindest mittelschulgebildeten Menschen zu verständigen. Das war auch mein Fall. Ich übte allerdings die notwendige Anstrengung aus, diese meine Unzulänglichkeit zu berichtigen, und das ist mir auch bald gelungen.

    Am Ende wird diese Obliegenheit wieder dadurch eingeschränkt, wenn die anderen die Lehre nicht annehmen. Ich gelange zu dieser Begrenzung jetzt. Die ganze Sache steht so: wenn der Erleuchtete strebt dem Wortlaut des ungeschriebenen Gesetzes über die Verpflichtung die Lehre der Welt zu übergeben nachzukommen, ist er immer nur an die Obliegenheit gebunden, mit dem Kandidaten der Einweihung fortzufahren, der in der Verwirklichung der Sachen im Verhältnis mit dem Erreichen des allerhöchsten Zieles der Mystik am weitesten gelangt ist.

    Im Verlauf der Mitteilung der Lehre wird die Reihefolge bei mehreren Suchenden gewiß nicht gehalten. Das muß der Erleuchtete sehr gut beobachten und nie darf er sich täuschen lassen durch die Meinungen der Kandidaten über sich selbst. Sollte er sich doch täuschen lassen, würde seine Lehre Verstümmelung leiden, wodurch die Anstrengung des Eingeweihten ab diesem Moment vereitelt würde.

    Im Falle von R. habe ich feststellen müssen, daß die Reihefolge der Kandidaten sich nicht ändert, aber ich stieß bei ihm auf seine Charakterunzulänglichkeiten, die seit seinem Antritt des Pfades potentiell anhielten. Wenn ich vor diesen Unzulänglichkeiten in dem Sinne gewichen wäre, daß ich ihn selbst nicht mehr beachtet hätte und in der Bemühung, die Lehre hier zu hinterlassen, fortgesetzt hätte, indem ich mich auf einen anderen Menschen konzentriert hätte, hätte ich entweder einen unverbesserlichen Irrtum begangen oder wäre ich in Selbstvernichtung verfallen.

    Nun, wenn ich R. wegen seinem Fall auf dem mystischen Weg verlasse und mit ihm auch alle anderen, verlasse ich auch die allverschlingene Schlucht vom Samsaro in Form von denen, die zwar mystisch arbeiten, erfüllen jedoch nicht die an ihre Bemühungen geknüpften Bedingungen. Hiermit leiste ich Genüge dem Gesetze, das auf einer Seite zwar gebietet, die entdeckte Lehre der Welt abzugeben, gibt allerdings nicht zu, vor Verblendung in einer Schlucht zu vergehen, die der Fall R. darstellt. Denn aus dem Standpunkt des korrekten Sehens bedeutet der Fall R. die letzte Hoffnung, daß das Werk zur Einhaltung der Lehre mal gelingt.

    Sollte ich zu dieser Bekanntgabe noch etwas Persönliches hinzufügen, so kann ich mit vollem Bewußtsein, was und warum ich es sage, folgendes anführen: ich bin bereit, bis zum Äußersten eine gewölbte Brücke aufzubauen, über die die Suchenden und Strebenden in das "Haus des Glücks" hinübergehen könnten, in die mit der Einweihung zusammenhängenden Zustände. Auf der anderen Seite bin ich nicht bereit, mit ihnen in den Abgrund nur deshalb abzustürzen, weil ich die Augen schließen würde und nicht das sehen möchte, daß der Kopf dieser Leute, der Fall R., sich Ursachen seines [mystischen] Falls ausgesonnen hat, und zwar für alle, die hinter ihm in der Reihe schreiten.

    Nicht mit ihnen in den Abgrund abzustürzen habe ich nicht nur das Recht, sondern auch eine verbindliche Pflicht, denn das ungeschriebene Gesetz der Einhaltung der Lehre sagt wiederum, daß wenn der Guru mit seinen Schülern fällt, weil er an ihnen hing, begeht er eine gleich schwere Sünde wie diejenigen, die infolge ihrer Moralschwächen und Unzulänglichkeiten aus ihren vorigen uralten Existenzen, heute mit geistig vernichtender Blindheit, Unkenntnis, betroffen sind.

    Wenn daher der mystisch Strebende die anderen aufgrund der richtigen Erfassung der Bedingungen der geistigen Entwicklung übertrifft, wird er Führer dieser Leute, der völlig verantwortlich für ihr Wohl oder Unglück ist. Aus diesem Grund ist er verpflichtet, vor allem durch das Einhalten der Sittengebote, das Ziel zu erreichen und so für sie eine Brücke bilden, damit sie ebenfalls erreichen können. Dann ist es nur ihre Sache, wenn sie diese Hilfe nicht ausnutzen. Wenn er aber das Ziel nicht erreicht, weil er ermattet, sittlich gefallen oder einer unerlaubten Leidenschaft verfallen ist, fällt auf ihn die Schuld gleichkommend einer, oft zeitunbegrenzten, Verdammnis.

    Ich habe meine Obliegenheiten erfüllt. Dennoch bin ich nicht verpflichtet, mit den Fallenden zu fallen, obgleich der Fall scheinbar nur eine einzelne Person betrifft, die an der Spitze dieser Menschen steht.

    Ich hoffe, ich finde Verständnis.

    März 1972